Pflanzenheilkunde

Gundermann – Heilpflanze aus germanischer Zeit

23. Mai 2023

Der Gundermann spielt in der Rationalen Phytotherapie keine Rolle. Lediglich aus der Volksmedizin sind noch einige Anwendungen überliefert. Es gibt Hinweise, dass er zur Zeit der Germanen eine wichtige Heilpflanze war. Vor allem im Mittelalter war der Gundermann als Gewürz und Heilmittel sehr beliebt.

Rudi Beiser

Lesezeit: 4 Minuten

Gundermann: bescheiden und unauffällig

Der Frühling nimmt im April und Mai Fahrt auf. Du entdeckst in der Natur immer mehr Blüten, die begierig von summenden Bienen und Hummeln besucht werden. Auf den Rasenflächen, in den Gärten und auf den Wiesen taucht jetzt sehr häufig ein Lippenblütler auf. Er trägt den Namen Gundermann (Glechoma hederacea). Mit Ausnahme der Blütezeit ist er ein unscheinbares Pflänzchen, das sich am Boden versteckt. Mancherorts wird er auch Gundelrebe oder Erd-Efeu genannt, weil er sich mit seinen kriechenden Ausläufern am Boden schlängelt. Auch der Artname hederacea (hedera = Efeu) weist darauf hin.

Nur während der Blütezeit richtet sich die ansonsten kriechende Pflanze auf, um den Insekten die Bestäubung zu erleichtern. In den Blattachseln der oberen Blattpaare erscheinen dann von Ende März bis Mitte Mai die blauvioletten Lippenblütchen. Zahlreiche Wildbienenarten und Schmetterlinge mögen ihre Pollen und den Nektar.

Die Gundermann-Blätter offenbaren beim Zerreiben einen würzigen, charakteristischen Duft. Sie haben eine rundliche, nierenförmige Form und der Blattrand ist grob gekerbt.

Gundermann: gut für Wunden und vieles mehr

Hinweis: Die nachfolgenden Anwendungen sind ausdrücklich nicht empfohlen. Sie gehören aber zur Kulturgeschichte dieser bemerkenswerten Pflanze und sollen daher erwähnt sein.

Der Gundermann war bei den germanischen Völkern und auch im Mittelalter sehr geschätzt. Sein seltsamer Name hat seinen Ursprung im althochdeutschen, in dem gund Kampf bedeutete und gunt Eiter oder Wundwasser. Da man weiß, dass der Gundermann früher eine wichtige Pflanze in der Wundversorgung war, ergibt das durchaus Sinn: Beim Kampf entstehen Wunden, und diese können nach einer Infektion auch eitern. Der Gundermann zählte zu den sogenannten Gundkräutern. Diese wurden zur Versorgung schlecht heilender Wunden und Geschwüre eingesetzt. Dazu nahm man den Presssaft oder frisch gequetschte Blätter. Man glaubte, eine Wunde heile besonders gut, wenn man 77 Blättchen der Gundelrebe auflege. Mit Hilfe von Zahlenmagie wollte man die Heilkraft der Pflanze noch verstärken.

Sehr häufig überliefert ist auch die Anwendung gegen die sogenannte Mundfäule. Damit waren Entzündungen der Mundschleimhaut gemeint. In der Pfalz wurden dazu 3 frische Blätter in Wasser getaucht und dann im Mund zerkaut. Diese Nutzung der Gundelrebe wurde auch in einer frommen christlichen Legende verarbeitet, worin Jesus zu dem an Mundfäule leidenden Petrus sagte: „St. Petrus, hol drei Gundelreben/ und laß sie in deinem Mund Umschweben,/ So wird dein Mund gesund!“

Im frühen Mittelalter galt Gundermann nahezu als Allheilmittel. Hildegard von Bingen (1098–1179) lobte ihn als Lungenheilmittel. Leonhart Fuchs (1501–1566) beschrieb ihn als harntreibend und entgiftend. Dementsprechend tranken damals alle Berufsgruppen, die mit dem Schwermetall Blei zu tun hatten (Büchsenmacher, Maler, Bleiglaser) Gundermanntee. Der Arzt Tabernaemontanus (1522–1590) empfahl ihn gegen Kopfschmerzen sowie als Hustenkraut und Leberheilmittel.

Im Mittelalter wurde Gundermann seltener in Wasser, sondern häufig auch in Wein oder Milch aufgekocht. Letzteres weist wiederum auf eine sehr alte germanische Tradition hin.

Gundermann: wirksame Heilpflanze in der Volksmedizin

In der Volksmedizin gilt der Gundermann neben seinen wundheilenden Eigenschaften vor allem als hilfreich bei Appetitlosigkeit, Husten, Durchfall, Magen-Darmbeschwerden und bei Blasen- und Nierensteinen.

Es liegen zu der Pflanze keine Monografien der ESCOP, Kommission E oder des HMPC vor.

Neuere Forschungen und Studien deuten darauf hin, dass viele Anwendungen der Volksheilkunde durchaus sinnvoll sind. [1][2][3] Denn der Gundermann hat ein vielversprechendes pharmakologisches Profil (siehe Kasten „Wichtige Inhaltsstoffe des Gundermannkrauts“). Die entzündungshemmenden und stark antioxidativen Eigenschaften von Gundermann-Extrakten sind inzwischen belegt [1][2][3]. Außerdem konnten antibakterielle und leberschützende Wirkungen nachgewiesen werden. [1][2] Auch zytotoxische Eigenschaften auf verschiedene Krebsarten wurden festgestellt, allerdings bisher nur im Labor. Valide Aussagen zur Anwendung bei Menschen liegen daher nicht vor.

Wichtige Inhaltsstoffe des Gundermannkrautes

  • Phenolsäuren (z.B. Rosmarinsäure, Kaffeesäure, Chlorogensäure)
  • Ätherisches Öl (mit Pinocamphon, Menthon, Pulegon, Menthol)
  • Gerbstoffe (Tannin)
  • Sesquiterpene (z.B. Glechomafuran)
  • Bitterstoffe (Glechomin)
  • Flavonoide (z.B.  Isoquercitin,  Rutin, Hyperosid)
  • Triterpensäuren ( z.B. Oleanolsäure, Ursolsäure)
  • Phytosterole (Beta-Sitosterol)
  • Alkaloide (Hederacin)

Gundermann: Gewürz für die Frühjahrsküche

Gundermannblätter
Blätter des Gundermann. Quelle: Rudi Beiser/Friesenheim

Der Gundermann hat eine lange Tradition als würzende Zutat. Alte Namen wie Soldatenpetersilie oder Suppenkraut weisen darauf hin. Er war Bestandteil der traditionellen Gründonnerstags-Suppe. Deren Genuss sollte das ganze Jahr über vor Krankheiten bewahren. Ursprünglich stammt die Suppe vermutlich aus vorchristlicher Zeit. In dieser Suppe wurden 9 Frühlingskräuter verarbeitet.

Auch Rührei mit Gundermann gewürzt gehörte zu den österlichen Frühjahrsbräuchen. Zudem war Gundermann vor dem Reinheitsgebot im Jahr 1516 eine beliebte Bierwürze, bis er dann vom Hopfen verdrängt wurde.

Die jungen Blätter an den Triebspitzen kannst Du als Gewürz für Salate, Suppen, Kartoffelgerichte, Kräuterbutter und Likör verwenden. Sie haben ein strenges Aroma, weshalb Du sie nur sparsam dosieren solltest. Ältere Blätter werden bitter und können einen unangenehm scharfen Nachgeschmack entwickeln und im Hals kratzen.

Die beste Erntezeit für die Nutzung der Blätter an den Triebspitzen als Gewürz ist bei Blühbeginn von März–April. Die Blüten schmecken wesentlich milder. Du kannst sie als hübsche Speisedekoration verwenden, z.B. über Salate oder Quarkspeisen gestreut.

Auch ein Gundermann-Tee aus dem blühenden Kraut schmeckt überraschend gut. Die typisch herben Aromen verschwinden durch das Aufbrühen mit heißem Wasser.

Allergien gegen den Gundermann sowie Neben- und Wechselwirkungen, die in Zusammenhang mit dem Trinken des Tees auftreten könnten, sind keine bekannt!

Gundermann-Tee

Für Gundermann-Tee nimmt man das von April bis Mai blühende Kraut. Die blühenden Triebe werden getrocknet und kurz vor der Teezubereitung zerkleinert.

Zutaten

Gundermannkraut (Glechomae hederaceae herba, syn.: Hederae terrestris herba)

Zubereitung

2 TL Gundermannkraut mit 200 ml heißem Wasser übergießen und zugedeckt 6-7 Minuten ziehen lassen.

Und zum Schluss….

Der Gundermann ist ein häufig anzutreffender Frühlingsblüher. Er hat eine Jahrhunderte alte Tradition als Heil- und Würzpflanze.  Du kannst sein Aroma in der Küche ausprobieren und auch einen Tee daraus zubereiten

Literatur

[1] Chou ST, Chan YR, Chung YC. Studies on the Antimutagenicity and Antioxidant Activity of the Hot Water Extract of Glechoma hederacea. Journal of Food and Drug Analysis 2012; 20: 637-645.715. DOI:10.6227/jfda.2012200310

[2] Grabowska K, Amanowicz K, Paśko P et al. Optimization of the Extraction Procedure for the Phenolic-Rich Glechoma hederacea L. Herb and Evaluation of Its Cytotoxic and Antioxidant Potential. Plants 2022; 11: 2217. https://doi.org/10.3390/plants11172217

[3] Šeremet D, Vojvodić Cebin A, Madura A et al. An insight into the chemical composition of ground ivy (Glechoma hederacea L.) by means of macrocomponent analysis and fractionation of phenolic compounds. Croatian Journal of Food Technology, Biotechnology and Nutrition 2020; 15: 3-4

[4] Stern C, Ell-Beiser H. Phytotherapie. 1. Aufl. Aarau und München: AT Verlag; 2022

[5] Beiser R. Vergessene Heilpflanzen. Aarau und München: AT Verlag; 2016

Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.

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