Pflanzenheilkunde

Unter der Linde – ein Baum mit Herz

2. Mai 2023

Seit alters her ist die Linde (Tilia) der Baum der Menschen. Kaum ein Dorfplatz oder ein Burghof, den nicht eine Linde zierte. In ihrem Schatten trafen sich die Menschen früher, um Schutz zu suchen, um sich zu auszutauschen, gemeinsam zu feiern und zu tanzen.

Susanne Koch

Lesezeit: 2 Minuten

Gemeinschaft unter der Linde

Nicht nur das Blatt der Linde sieht aus wie ein Herz. Auch ein freistehender Lindenbaum hat annähernd die Kronenform eines gedrehten Herzens, und selbst die Wurzel wächst, nachdem die stabilisierende Pfahlwurzel ausgebildet ist, in der Herzform. So dichtete Heinrich Heine sehr treffend:

„Sieh dies Lindenblatt! du wirst es

Wie ein Herz gestaltet finden;

Darum sitzen die Verliebten

Auch am liebsten unter Linden.“ [1]

Heinrich Heine

Unter der Dorflinde besprach man die Angelegenheiten der Gemeinschaft, man hielt selbst Trauungen und Versammlungen unter der Linde ab. Nicht selten wurden die Äste so geschnitten, dass in der Krone eine Plattform befestigt werden konnte, auf der man tanzte. Martin Luther schrieb dazu:

„[…] Denn unter der Linde pflegen wir zu trinken, tanzen, fröhlich sein, denn die Linde ist unser Friede- und Freudebaum“ [2]

Martin Luther

Der enge Bezug der Menschen zur Linde findet sich in zahlreichen Namen wieder: Lindner, Lindenberg, Gerlinde, Linda, u.v.m. Straßen sind nach der Linde benannt. Nicht zuletzt gibt es viele Gasthäuser „Zur Linde“. Zu früheren Zeiten traf man dort den Stamm oder die Sippe am gemeinschaftlichen Tisch, dem Stammtisch, und tauschte Neuigkeiten aus und debattierte.

Die Linde im Brauchtum

Der Lindenbaum stand in vorchristlicher Zeit für Klarheit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Mitgefühl. Bei den Germanen war die Linde Freya geweiht, der großen Göttin der Liebe und des Glücks. Die Menschen erwarteten unter der Linde göttliche Eingebung, um die reine Wahrheit zu erkennen. So traf man sich bei der Linde auch für ernste Angelegenheiten. Die Ältesten des Stammes fassten gemeinsame Beschlüsse, schlossen Verträge. Und nicht zuletzt hielt man hier Gericht über Straftäter.

Die Sanftheit, die Weichheit des Baumes und der süße Duft der Blüten im Sommer sollten zu einem gerechten Urteil führen. Bisweilen wurde das Urteil direkt vollstreckt und die Gerichtslinde so auch gleich zum Galgen- oder Strafbaum.

Die Christianisierung machte auch vor dem Lindenbaum nicht halt. Damit die rituellen und traditionellen Veranstaltungen unter der Linde weiter stattfinden konnten, weihte man dem Baum um. Statt der Freya-Statuen wurden dort Marienbilder angebracht.

Übrigens: Viele Marien- und Heiligenstatuen werden aus Lindenholz geschnitzt, da sich das Holz hervorragend für Schnitzarbeiten eignet.

Seltener als von Marienlinden liest man von den Apostellinden. Ein an der Spitze abgeschnittener Lindenbaum wurde so beschnitten, dass er nur noch 12 Hauptäste hatte. Diese wurden nach den 12 Aposteln benannt. Diese Apostellinden standen vor allem um Klöster und Kirchen.

Heilung unter der Linde

Lindenblüten sollen bei den Kretern und den alten Griechen das älteste bekannte Heilmittel gewesen sein.[2] In den Büchern der Heilkundler in Mittel- und Nordeuropa fand die Linde erst im späten Mittelalter Einzug, es galten ebenfalls die Blüten als Heilmittel.

Warum Lindenblüten auch heute noch für die Gesundung eingesetzt werden, darüber kannst Du mehr im Beitrag Lindenblüten – Wärme für Körper und Seele erfahren.

Weniger bekannt sind die volksheilkundlichen Anwendungen von Lindenblättern oder der Rinde. Diese sind medizinisch nicht anerkannt, haben jedoch teilweise eine alte Tradition.

Hinweis: Die nachfolgenden Anwendungen sind deshalb ausdrücklich nicht empfohlen. Sie gehören aber zur Kulturgeschichte dieses bemerkenswerten Baumes und sollen daher erwähnt sein.

Hildegard von Bingen empfahl für klare und reine Augen über Nacht ein Lindenblatt auf diese zu legen. Andere Kräuterkundler verordneten Auflagen aus Lindenblättern bei Kopfschmerzen und zur Wundversorgung.

Die Blätter, die Rinde und der Bast, also die Schicht zwischen Rinde und Stamm, werden durch Kochen zu einer Art Brei. Diesen Brei nutzte man in der Volksmedizin als Auflage bei Brandwunden, Schürfwunden und anderen Verletzungen. Genau wie die Blüten enthalten auch die Blätter, die Rinde und der Bast viele Schleimstoffe und Gerbstoffe, Flavonoide und Vitamin C.

Fein pulverisierte Asche aus Lindenholz wurde ebenfalls in der Volksmedizin früherer Zeiten innerlich eingenommen, um Giftstoffe und Säuren zu binden und so zur Ausscheidung zu bringen. Daneben wurde die Linde in der Volksmedizin bei Magen- und Darmerkrankungen eingesetzt, sowohl beim Menschen als auch in der Behandlung der Haustiere.

Eine Zubereitung aus Lindenrinde und Essig soll im Alpenraum als volksheilkundliches Mittel bei mentalem Stress angewendet werden. [8]

In der Gemmotherapie gilt das Mazerat aus Knospen der Silberlinde als Mittel für das zentrale Nervensystem. [9]

Literatur

[1] Heine H. Neue Gedichte. Neuer Frühling. Im Internet: https://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/NeueGedichte/frueh31.htm; Stand: 06.04.2023

[2] Georg-August-Universität Göttingen. Symbolik der Linde. Im Internet: https://www.uni-goettingen.de/en/41770.html; Stand: 06.04.2023

[3] Georg-August-Universität Göttingen. Im Reich der Bäume. Im Internet: https://www.uni-goettingen.de/de/41671.html; Stand: 06.04.2023

[4] Greiner K. Bäume in Küche und Heilkunde. Aarau und München: AT Verlag; 2017

[5] Fischer-Rizzi S. Blätter von Bäumen. 6. Aufl. Aarau und München: AT Verlag; 2021

[6] Beiser R. Baum & Mensch. Ulmer; 2017

[7] Strassmann R. Baumheilkunde. Linz: Freya Verlag; 2014

[8] Grahofer E. Rindenmedizin. Linz: Freya-Verlag; 2022

[9] Stern, C. Gemmotherapie. Stuttgart: Haug; 2019

Wichtiger Hinweis

Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.

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