Pflanzenheilkunde

Heilpflanzen trocknen – Do it yourself!

19. Juni 2022
Getrocknete Pflanzensträuße

Die Sommermonate eignen sich nicht nur zum Sammeln von Heilpflanzen. Heilpflanzen trocknen bei warmen Temperaturen auch besser. Es gibt aber einiges zu beachten, damit sie während des Trocknungsprozesses ihre Farbe und ihren Geschmack behalten. Und: Richtiges Trocknen kann die Wirkung Deiner Heilpflanzen sogar steigern.

Sebastian Vigl

Lesezeit: 5 Minuten

Heilpflanzen trocknen Menschen seit Jahrtausenden

Die meisten Heilpflanzen lassen sich nur zu bestimmten Zeiten im Jahr ernten. Um sie trotzdem auf Vorrat zu haben, haben Menschen sie seit vielen Jahrtausenden getrocknet. Bis heute ist das Trocknen die beste Methode, Heilpflanzen zu konservieren. Das Trocknen reduziert den Feuchtigkeitsanteil im Pflanzenmaterial und stoppt so alle biologischen Prozesse wie die Aktivität von Pflanzenenzymen und das Wachstum von Pilzen oder Bakterien.

Das Trocknen von Heilpflanzen spart zudem Platz: Getrocknete Heilpflanzen sind um einiges leichter und kleiner als frische [1]. Energie sparen lässt sich auch beim Trocknen: Geräte wie Mikrowelle, Dörrautomaten oder Backofen können hilfreich sein, sind aber in der Regel nicht notwendig. Trocknen erhält die Heilwirkung.

Pflanzen haben im Laufe der Evolution gelernt, ihr Umfeld zu beeinflussen. Da sie sich selbst nicht großartig bewegen können, bewegen sie die Welt um sich herum: Sie locken Tiere, die ihnen nützlich sind, zum Beispiel bestäubende Insekten. Hungrige Pflanzenfresser, die ihnen schaden können, vertreiben sie. Für das Locken und Vertreiben nutzen Pflanzen chemische Verbindungen, die sogenannten sekundären Pflanzeninhaltsstoffe. Viele davon bildet die Pflanze auf Vorrat und aktiviert sie erst, wenn es nötig ist. Bei einer Verletzung – zum Beispiel durch den Biss eines Tieres – aktivieren Enzyme viele Abwehrstoffe. Die können nicht nur den Appetit des Tieres hemmen, sondern auch die Wunde vor dem Befall mit Bakterien, Pilzen oder Viren schützen.

Auch der Trocknungsprozess fügt dem Pflanzengewebe Verletzungen zu. Der Verlust von Feuchtigkeit macht die Pflanzenzellen brüchig. Dies führt zur enzymatischen Aktivierung von Abwehrstoffen, die oft kurzlebig sind. Bei einer langen Trocknungsphase können dadurch viele wertvolle Inhaltsstoffe verloren gehen. Daher ist rasches Trocknen wichtig.

Das Trocknen kann aber auch den Gehalt an einzelnen Wirkstoffen erhöhen. Studien zeigen zum Beispiel, dass der Trocknungsprozess den Gehalt an antioxidativen Stoffen steigern kann [2].

Wichtig: die sorgfältige Vorbereitung

Vor dem Trocknen kommt die Auslese: Sortiere schon verwelkte, beschädigte oder kranke Pflanzenteile aus, sie könnten mit Keimen oder Schimmel infiziert sein. Heilpflanzen mit kleinen Blättern wie zum Beispiel Quendel, Bohnenkraut oder Schafgarbe kannst Du in kleinen, luftigen Sträußchen zusammenbinden. Bei allen anderen Pflanzen trennst Du die Blätter vom Stängel. Pflanzenteile, die rasch trocknen wie Blüten und Blätter, brauchst Du nicht zu zerkleinern. Beim Zerkleinern verlieren sie sonst flüchtige Bestandteile wie ätherische Öle. Eine Ausnahme bilden sehr große oder ledrige Blätter, wie zum Beispiel von Efeu oder Huflattich, die kannst Du mit einer scharfen Schere etwas klein schneiden. Je weniger die Kräuter zerkleinert werden, desto besser bleiben während der Trocknung und Lagerung ihre Inhaltsstoffe erhalten.

Wurzeln schneidest Du der Länge nach auf, Rindenstücke zerteilst Du grob. Kleine Beeren trocknen ungeschnitten gut, größere (zum Beispiel Hagebutten) kannst Du halbieren.

Merke: Für alle gesammelten Heilpflanzen gilt: Bitte vor dem Trocknen möglichst nicht waschen!

Erdreste von Wurzeln entfernst Du mit einer Gemüsebürste. Bei starker Verschmutzung ist es sinnvoll, sie auch nach dem Trocknen noch einmal zu bürsten. Ich wasche nur jene Wurzeln vor dem Trocknen, an denen viel – zum Beispiel lehmige – Erde anhaftet.

Wo Du Heilpflanzen am besten trocknest

Der Raum, in dem Du Kräuter trocknest, sollte gut durchlüftet, nicht zu staubig und mäßig warm sein. Außerdem sollte der Raum trocken sein, denn bei hoher Luftfeuchtigkeit trocknen die Kräuter nur suboptimal. Schleimhaltige Kräuter wie Eibischwurzel oder Königskerzenblüten nehmen in feuchten Räumen sogar Feuchtigkeit auf!

Wichtig: Die Sonne darf die Kräuter nicht direkt bescheinen, das führt zum Verlust von Wirkstoffen wie den ätherischen Ölen und Farbstoffen [3]. Das Trocknen kann auch in einem dunklen Raum, zum Beispiel auf einem Dachboden, erfolgen.

Im Sommer kannst Du auch im Freien trocknen – jedoch nur im Schatten und nicht bei Regenwetter.

Für Wurzeln und Rinden wählst Du am besten besonders warme Orte, zum Beispiel in der Nähe der Heizung.

Der Trockenprozess

Das Trocknen dauert – je nach Witterung und Pflanzenmaterial – zwischen 3–10 Tage.

Sträußchen und Wurzeln kannst Du zum Trocknen aufhängen, zum Beispiel an einer Wäscheleine oder einem Wäscheständer. Alle anderen Pflanzenteile legst Du auf ein sauberes Tuch aus Naturfaser, sie dürfen nebeneinander, aber nicht übereinander liegen. Wenn Du viel trocknest, lohnt es sich, Trockenrahmen zu kaufen oder selbst zu basteln. Dafür spannst Du Insektennetze oder einen Stoff aus Naturfaser auf einen Holzrahmen. Um die Rahmen zu stapeln, kannst Du an die Oberseite der Rahmen Abstandhalter (zum Beispiel aus Holz) anbringen.

Es ist sinnvoll, das Pflanzenmaterial während des Trockenvorganges jeden Tag einmal zu wenden. Das gilt insbesondere für Beeren oder schleimhaltige Pflanzen wie Königskerze, Eibisch oder Malve.

Übrigens: Schleimhaltige Pflanzen trocknen besonders langsam und neigen daher zu Pilzbefall. Besonders bei hoher Luftfeuchtigkeit trocknen sie kaum, da sie Wasser wie ein Schwamm aufsaugen können. Schimmel ist bei Kräutern selten optisch zu erkennen, sondern eher am typischen Geruch!

Trocken sind die Pflanzen, wenn ihre Blätter beim Zerreiben zerbröseln und ihre Stängel beim Knicken brechen und sich nicht verbiegen lassen. Was nach 10 Tagen nicht trocken ist, gibst Du bei 40 °C in den Backofen. Sie benötigen dann meist nur noch wenige Stunden Wärme.

Getrocknete Heilpflanzen sind übrigens nicht komplett wasserfrei – im Schnitt bestehen zehn Prozent des Gewichts von gut getrockneten Pflanzenteilen immer noch aus Wasser.

Getrocknete Heilpflanzen dunkel, trocken und kühl lagern

Zum Aufbewahren von Heilkräutern eignen sich besonders gut braune Schraubgläser mit einem weiten Hals. Braune Gläser schützen die Kräuter nicht nur vor Feuchtigkeit, sondern auch vor UV-Strahlung. Durchsichtige Gläser gehen auch, wenn Du sie dunkel und kühl lagerst.

Beschrifte die Gläser gut mit dem Namen der jeweiligen Heilpflanze und dem Erntejahr. Sofern die Pflanzen nicht irgendwann muffig oder unangenehm riechen, kannst Du sie bis zu vier Jahre verwenden.

Und zum Schluss …

Die meisten heilkräftigen Pflanzeninhaltsstoffe sind langlebig. Sie erhalten ihre Struktur – und damit auch ihre Heilwirkung – über viele Jahre, wenn wir sie richtig konservieren. Die beste und zugleich auch günstigste Methode für die Konservierung ist das Trocknen. Kompliziert ist es auch nicht: Wenn Du die Hinweise aus diesem Beitrag befolgst, gelingt es Dir ohne große Mühe.

Literatur

[1] Comparison of Traditional and Novel Drying Techniques and Its Effect on Quality of Fruits, Vegetables and Aromatic Herbs. Foods 2020 Sep 9; 9(9): 1261

[2] Effect of Drying Method on the AntioxidantCapacity of Six Larniaceae Herbs. Food Chem 2010; 123: 85–91

[3] A review of drying methods for improving the quality of dried herbs. Crit Rev Food Sci Nutr 2020 May 19: 1–24

Wichtiger Hinweis

Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.

Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.

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