Pflanzenheilkunde

Gänseblümchen – essbar und heilsam

24. Januar 2023
Gänseblümchen

Wer kennt nicht das Gänseblümchen? Die kleine Wildpflanze bevölkert Rasenflächen, Parkanlagen sowie oft gemähte Wiesen und Weiden. Die Lieblingsblume vieler Kinder kann mehr als lediglich schön auszusehen: Sie spielt eine gewichtige Rolle in der Wildkräuterküche und Volksmedizin wie Du in diesem Beitrag lesen kannst.

Rudi Beiser

Lesezeit: 4 Minuten

Ein Blümchen zum Verspeisen

Die jungen Blätter des Gänseblümchens (Bellis perennis) gehören zu den mild schmeckenden Wildgemüsearten. Die Blattrosetten werden das ganze Jahr über geerntet, wobei sie im Sommer einen herberen Geschmack besitzen als im Frühjahr. Man nimmt vor allem die jungen Blätter in der Rosettenmitte, denn ältere Blätter können im Übermaß genossen einen unangenehm kratzigen Nachgeschmack im Hals verursachen. Das liegt an den darin enthaltenen Saponinen. Roh eignen sich die jungen Blätter vorzüglich als Beimischung in Salate, denn sie schmecken feldsalatähnlich und nussig. Das milde Blattgrün bereichert aber auch Suppen oder Wildkräuter-Smoothies und kann gut als spinatähnliches Gemüse zubereitet werden.

Die schönen Blüten sind eine wohlschmeckende Dekoration zum Verschönern von Salaten, Suppen und Desserts. Oder einfach nur aufs Butterbrot gelegt. Am besten schmecken frisch aufgeblühte Blüten. Geschmacklich noch interessanter sind die Blütenknospen. Sie eignen sich als knackige, angenehm säuerliche Zutat zu Salaten oder auch eingelegt in Essig als Kapernersatz.

Das mineralstoffreiche Gänseblümchen ist zudem sehr gesund: Es enthält reichlich Kalium, Kalzium und Eisen.

Wir können das Gänseblümchen fast ganzjährig finden, denn es streckt seine Blüten meist schon ab Februar aus dem Gras. Und selbst im Winter kannst Du das Glück haben, die kleine Blume zu entdecken.

Gänseblümchen Winter
Das Gänseblümchen (Bellis perennis) ist fast ganzjährig finden. Quelle: Rudi Beiser, Friesenheim

 Seit Jahrhunderten geschätzt

Das Gänseblümchen war im Mittelalter vor allem ein Wundkraut und wurde zudem bei Hauterkrankungen und Geschwüren eingesetzt. Der Arzt Leonhart Fuchs beschreibt 1543 die Anwendungsweise in seinem Buch „New Kreüterbuch“: „Die Blätter grün zerstoßen und auf die hitzigen Wunden gelegt heilet dieselbigen.“

In den nachfolgenden Jahrhunderten kamen in der Volksheilkunde noch weitere Indikationen dazu: Man nutzte die Blüten des kleinen Korbblütlers bei Atemwegserkrankungen wie Husten und Bronchitis sowie bei Blasen-, Leber- und Nierenleiden. Auch zum Entgiften in sogenannten Blutreinigungs- oder Frühjahrskuren durfte das Gänseblümchen nicht fehlen. Äußerlich setzte man es bei entzündeten Augen sowie bei Prellungen, Verstauchungen und Quetschungen ein. Der berühmte Kräuterpfarrer Künzle (1857–1945) empfahl eine Anwendung, die noch heute genutzt wird: den frischen Pflanzensaft aus zerquetschten Blättern auf Brennnesselquaddeln oder Insektenstiche zu tupfen. Das lindert den Schmerz und den Juckreiz.

Gänseblümchen – Wirkungen und Wirkstoffe

In die Arzneibücher hat es die Heilpflanze nicht geschafft, mit Ausnahme des Homöopathischen Arzneibuchs (HAB). Allerdings legen die zahlreichen bioaktiven Inhaltsstoffe eine Wirksamkeit nahe. Besonders hervorzuheben sind hierbei die Triterpen-Saponine, die festsitzenden Schleim in den Atemwegen verflüssigen und lösen könnten. Ebenfalls im Bereich der Atemwege könnten die enthaltenen Schleimstoffe wirken, die sich schützend und reizlindernd auf entzündete Schleimhäute legen. [1]

Neuere Studien

In neueren Studien konnten einige der volksheilkundlichen Anwendungen bestätigt werden, beispielsweise die wundheilende und entzündungshemmende Wirkung. Es wurde auch entdeckt, dass das Gänseblümchen eine gute antioxidative Wirkung besitzt. Das heißt den Untersuchungen zufolge, es kann aggressive zellschädigende Sauerstoffradikale unschädlich machen (Radikalfänger). Außerdem wurde festgestellt, dass ein Flavonoid aus dem Gänseblümchen das Enzym Acetylcholinesterase hemmen und dadurch die Wirkungsdauer des Gehirnbotenstoffes Acetylcholin verlängern könnte. Diese neuroprotektive Wirkung spielt eine Rolle bei der Behandlung von Krankheiten mit verminderter cholinerger Aktivität, zum Beispiel der Alzheimer Demenz. [2, 3]

Heilsam mit göttlicher Hilfe

Unsere Vorfahren weihten die kleine Frühlingsblume der Frühlingsgöttin, die in ihrem Glauben den Winter besiegte und die schlafende Vegetation weckte. Die Verbindung mit der vorchristlichen Göttin machte das Gänseblümchen für die Menschen besonders heilkräftig. Man glaubte, wer im Frühjahr die ersten 3 gefundenen Gänseblümchen isst, schützt sich dadurch das ganze Jahr vor Fieber und Zahnschmerzen. Die magische Medizin funktionierte nur, wenn die Blümchen dabei nicht mit den Händen berührt wurden, sondern wenn man sie direkt mit dem Mund abbiss. Deine Nachbarn werden sich sicher freuen, wenn Du dies im Frühjahr einmal ausprobierst.

Gänseblümchen Marienstatue
Einer Marienlegende zufolge wollte Maria Jesus zum 3. Geburtstag einen Blumenkranz schenken. Quelle: Rudi Beiser, Friesenheim

Legenden der Christianisierung

Im Rahmen der Christianisierung ging das Blümchen der Frühlingsgöttin auf die Gottesmutter Maria über und die Heilmagie wurde in ein christliches Gewand gekleidet. Der Legende nach wurde es von Maria in die Welt geholt: Als sie mit dem kleinen Jesus nach Ägypten floh, um Herodes zu entgehen, vergoss sie viele Tränen, aus denen das damals „Marienblümchen“ genannte Gänseblümchen erwuchs. Einer anderen Marienlegende zufolge wollte Maria Jesus zum 3. Geburtstag einen Blumenkranz schenken. Da er im Winter geboren war und zu dieser Zeit keine Blumen wuchsen, nähte sie für den Kranz kleine Blümchen aus dem goldenen Mantel des Königs David und aus weißer Seide. Das Gold des Mantels nutzte sie für die inneren Röhrenblüten, die Seide für die Strahlenblüten. Dabei stach sie sich in den Finger, sodass sich von einem Tropfen ihres Blutes der Rand der seidenen Strahlenblüten rot färbte. Jesus gefiel die Blume so gut, dass er dem Blumenkranz Leben einhauchte und es in die Wiesen pflanzte, wo es nun manchmal selbst zur kalten Winterszeit blüht. Im christlichen Mittelalter musste eine Pflanze, die Marienblut enthielt und von Jesus das Leben eingehaucht bekam, unglaublich heilkräftig sein. Die Kraft des Glaubens darf nicht unterschätzt werden, denn dadurch werden die Selbstheilungskräfte massiv unterstützt.

Gänseblümchen-Suppe

Zutaten

  • 75 g frische Gänseblümchenblätter
  • 50 g frische Brennnesselblätter
  • 4 EL Butter oder Öl
  • 2 EL Dinkelmehl
  • 750 ml Gemüsebrühe
  • 4 EL Crème fraîche oder Sojasahne
  • Pfeffer
  • 1 Scheibe Brot
  • 1 Handvoll Gänseblümchenblüten

Zubereitung

Gänseblümchen- und Brennnesselblätter grob schneiden und in 2 EL Fett andünsten. Mit Mehl bestäuben (Mehlschwitze), mit Brühe aufgießen und einige Minuten köcheln lassen. Zum Schluss Crème fraîche einrühren und mit Pfeffer abschmecken. Das gewürfelte Brot im restlichen Fett anrösten. Suppe in Teller füllen und mit Brotwürfeln und Blüten garnieren.

Gänseblümchen Suppe
Gänseblümchen-Suppe (Symbolbild) © JiriD/stock.adobe.com

Und zum Schluss….

Das Gänseblümchen erfreut uns nicht nur mit schönen Blüten, es kann uns auch kulinarisch bereichern und Eingang finden in unsere Hausapotheke. Letzteres wird durch neue Studien bestätigt, die nahelegen, dass das kleine Blümchen ein großes pharmakologisches Potenzial besitzt.

Literatur

[1] Stern C, Ell-Beiser H. Phytotherapie in Theorie und Praxis. Aarau (Schweiz): AT; 2022

[2] Al-Snafi AE. The Pharmacological importance of Bellis perennis – A review. Department of Pharmacology, College of Medicine, Thi-Qar University (Iraq) 2015

[3] Costa Marques TH, Santos De Melo CH, Fonseca De Carvalho RB et al. Phytochemical Profile and Qualification of Biological Activity of an Isolated Fraction of Bellis perennis. Biol Res. 2013; 46(3): 231–8. DOI: 10.4067/S0716-97602013000300002

Wichtiger Hinweis

Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.

Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.

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