Pflanzenheilkunde

Der Ursprung des Weihnachtsbaumes

23. Dezember 2022
Weihnachtsbaum

Über 29 Millionen Weihnachtsbäume werden jedes Jahr in Deutschland verkauft. Beliebt sind dabei die Nordmanntanne, die Blaufichte und die heimische Fichte. In fast jedem zweiten Haushalt steht in der Weihnachtszeit ein geschmückter Baum. Woher kommt dieser Brauch und welche ursprüngliche Bedeutung steckt eigentlich dahinter?

Rudi Beiser

Lesezeit: 6 Minuten

Weihnachtsbaum: Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum

„O Tannenbaum, o Tannenbaum“, heißt es in dem bekannten alten Weihnachtslied. Die bei uns heimische Tanne (Abies alba) gilt als Synonym für den Weihnachtsbaum. Allerdings ist die Tanne am Weihnachtsbaumgeschäft nur mit 3% beteiligt. Der Hauptumsatz wird zu 90% mit fremdländischen Baumarten wie Nordmanntanne (75%) oder Blaufichte (15%) abgewickelt. Die Newcomer werden bei uns für das Weihnachtsgeschäft in Plantagen angebaut. Die heimische Fichte (Picea abies) ist mit 7% Umsatzanteil auch nicht mehr so umsatzstark.

Früher waren Fichte und Tanne jedoch der einzige Rohstoff für den Weihnachtsbaum. Also standen an Weihnachten in den Wohnzimmern nur Fichten und Tannen. Genau genommen eigentlich nur die Fichte. Denn die Tanne ist in deutschen Wäldern ein relativ seltener Baum, während die Fichte seit Jahrhunderten der häufigste Waldbaum ist. Warum nun der Weihnachtsbaum trotzdem den Namen Tannenbaum bekam, liegt vor allem daran, dass unsere Vorfahren die beiden Bäume nicht unterschieden. Wenn sie schon damals in einen Topf geworfen wurden, sollte es uns nicht verwundern, dass sie noch heute oft verwechselt werden.

Zapfen der Fichte
Die Zapfen der Fichte fallen auf den Waldboden. © A. Schütz/Thieme

Fichte oder Tanne?

Die Fichte hat spitze, stechende Nadeln. Sie sind im Querschnitt vierkantig und rundum dunkelgrün. Die Tanne hat dagegen flache, breite und biegsame Nadeln. Sie sind vorne stumpf und haben auf der Nadelrückseite 2 deutlich sichtbare längliche weiße Streifen. Ein Sprichwort verdeutlicht den Unterschied der Nadeln:

„Die Fichte sticht, die Tanne nicht!“

Sprichwort

Außerdem besitzt nur die Fichte Zapfen, die als Ganzes herunterfallen. Tannenzapfen findet man auf dem Waldboden keine. Auch hier wird die Botanik gerne auf den Kopf gestellt, denn die meisten Menschen sagen zu den Fichtenzapfen Tannenzapfen. Am Baum sind die Fichtenzapfen nach unten hängend zu sehen, während die Tannenzapfen aufrecht nach oben gerichtet auf den Zweigen sitzen. 

Tannenzapfen
Die Tannenzapfen sitzen nach oben gerichtet auf den Zweigen. © DanBu.Berlin/stock.adobe com

Rezept Fichten- und Tannenwipfelsirup

Im Mai kannst Du aus den hellgrünen Fichten- und Tannentriebspitzen einen Sirup herstellen. Die jungen Maitriebe sind auch essbar und sehr lecker. Sie haben ein säuerlich-zitroniges Aroma, das man von einem Nadelbaum gar nicht erwartet. Sie enthalten sehr viel Vitamin C und ß-Karotin (Provitamin A).

Zutaten

  • 200 g frische Fichten- oder Tannensprossen
  • 400 g Rohrohrzucker 

Zubereitung/Dosierung/Anwendung:

In ein weithalsiges Gefäß schichtweise frische Triebspitzen und Zucker einfüllen. Die Wipfelschichten können etwa doppelt so dick sein wie die Zuckerschichten. Zum Schluss mit einer Schicht Zucker abschließen und die Schichten gut anpressen. Das Glas wird verschlossen an einem warmen Ort (nicht in der Sonne) so lange stehen gelassen, bis der Zucker flüssig geworden ist (ca. 2 Wochen). Die Nadeln haben sich nun braun verfärbt, und ein Sirup hat sich abgesetzt. Diesen kannst Du abfiltern und in dunkle Flaschen füllen. Teelöffelweise 3 bis 4-mal täglich einnehmen.

Hinweis! Gegenanzeichen sind bislang keine bekannt.

Grüne Zweige, aber kein Weihnachtsbaum

Der Brauch des Weihnachtsbaumes ist noch gar nicht so alt. So war er beispielsweise Mitte des 19. Jahrhunderts in vielen Gegenden Deutschlands noch so gut wie unbekannt. Der geschmückte Baum entwickelte sich aus einer viel älteren Tradition. Sie reicht bis in germanische Zeiten zurück: Damals wurden aber keine Bäume, sondern lediglich die Zweige immergrüner Nadelhölzer in die Stube gelegt. Dabei ging es den Menschen um 3 Dinge:

  1. Immergrüne Zweige galten als Symbol des ewigen Lebens und als Zeichen, dass der Winter besiegt werden kann, denn sie trotzen Dunkelheit und Kälte. Die grünen Nadeln symbolisierten die Hoffnung auf das Wiedererwachen der Natur und den baldigen Frühling. Deshalb holte man sie sich in der dunkelsten Zeit des Jahres ins Haus.  
  2. Die Zweige der mit spitzen Nadeln besetzten Nadelbäume hatten zudem eine Abwehr- und Schutzfunktion, denn die Welt unserer Vorfahren war voller Geistwesen. Man traute den Fichten und Tannen zu, dämonische Wintergeister und sonstige gespenstische Wesen fernzuhalten. Außerdem glaubte man, dass die grünen Zweige die guten Hausgeister anlocken würden. Deshalb wurden zur Wintersonnwende Türen und Fenster sowie alle Zimmer mit Fichten- und Tannenreisig geschmückt.
  3. Fichte und Tanne waren nicht nur Symbol für den herbeigesehnten Frühling, sondern auch für Fruchtbarkeit und Lebenskraft. Und diese glaubte man mittels der immergrünen Zweige übertragen zu können: Sie wurden zu Ruten gebunden und mit dieser sogenannten „Lebensrute“ schlug man in der Weihnachtszeit junge Frauen und weibliche Tiere, um deren Fruchtbarkeit anzuregen. Das nannte man auch „kindeln“, weil es um das Kinderbekommen ging. Der Knecht Ruprecht mit seiner Rute ist noch eine vage Erinnerung an diesen alten Fruchtbarkeitsbrauch. Außerdem war es ein Gesundheitszauber, denn jeder, der die Schläge bekam, sollte im kommenden Jahr von Krankheiten verschont bleiben.

Weihnachtsmaien statt Weihnachtsbaum

Die grünen Fichten- und Tannenzweige holte man sich während der „Rauhnächte“ ins Haus. Man nannte sie „Weihnachtsmaien“. Dieser Brauch wurde von der Kirche verständlicherweise gar nicht gerne gesehen. Er galt wie das Verschenken von Gaben als heidnischer Brauch.  Der Brauch wurde damals übrigens nicht an Weihnachten, sondern an Neujahr ausgeübt. Aus den „Weihnachtsmaien“ wurde recht bald ein ganzer Baum: der Weihnachtsbaum.

Tannenzweige
Die Tannenzweige galten früher als Symbol für Fruchtbarkeit und Lebenskraft. Quelle: ©K.Oborny/Thieme

So kam es zum Weihnachtsbaum

Die älteste Erwähnung eines Weihnachtbaumes stammt aus Freiburg und aus dem Jahre 1419. Die Zunft der Freiburger Bäcker hatte im Heilig-Geist-Spital einen Baum mit Gebäck, Früchten und Nüssen geschmückt. Die Kinder der Armen durften den Baum an Neujahr plündern. Die Tannen- oder Fichtenbäume wurden damals nicht aufgestellt, sondern verkehrt herum an die Decke gehängt. Erst in den Jahren 1521 und 1539 werden wieder mit Äpfeln und Obladen geschmückte Weihnachtsbäume in Straßburg urkundlich belegt. Auch in Bremen wird im Jahre 1570 ein mit Papierblumen, Früchten und Nüssen geschmückter Weihnachtsbaum erwähnt.

Diese Bäume waren allerdings bei der Geistlichkeit genauso wenig beliebt wie die Weihnachtsmaien, denn es war ja eine Fortführung der heidnischen Baumkulte. Der Theologe Johann Konrad Dannhauser wettert 1654 in Straßburg gegen die Unsitte des Weihnachtsbaums: „Unter anderen Lappalien, damit man die alte Weihnachtszeit oft mehr als mit Gottes Wort begeht, ist auch der Weihnachts- oder Tannenbaum, den man zu Hause aufrichtet, denselben mit Zucker und Puppen behängt und ihn hernach abschüttelt und abblümen lässt. Wo die Gewohnheit herkommt weiß ich nicht.“

Abblümen ist ein altes Wort für plündern. Doch aller Widerstand nützte nichts, der Brauch des Weihnachtsbaums breitete sich bald in ganz Deutschland aus. Zunächst nur in adeligen Kreisen und dann auch im gehobenen Bürgertum. Auswanderer nahmen den Brauch schließlich mit nach Amerika und von dort verbreitete er sich auf allen Kontinenten. Und auch von der Kirche wurde er schließlich aufgenommen: Als Christbaum, das Symbol für Christi, der das Licht in die Welt trägt. Seit Ende des 19. Jahrhunderts gehört der Weihnachtsbaum dann fast weltweit unverzichtbar zum Weihnachtsfest. In vielen Gegenden trägt er immer noch den Namen Tannenbaum, auch wenn es sich, wie wir gelernt haben, in den seltensten Fällen um eine Tanne handelt.

Weihnachtsbaum als Heilpflanze

In der rationalen Phytotherapie wird nur die Fichte als Heilpflanze eingesetzt. Frische Fichtenspitzen und Fichtennadelöl wurden von der Kommission E bewertet und als Arzneimittel anerkannt: innerlich bei Katarrhen der Luftwege und äußerlich bei Muskelschmerzen, Nervenschmerzen und rheumatischen Beschwerden. In der Volksmedizin wird auch die Tanne verwendet. Kein Wunder, denn die ätherischen Öle, die in den Nadeln und im Harz der beiden Bäume vorkommen, sind nahezu identisch. Sie wirken schleimlösend und antiseptisch, weshalb sie vor allem bei Atemwegserkrankungen eingesetzt werden [3]. Außerdem wirken sie äußerlich auf der Haut durchblutungsfördernd und entzündungshemmend [3]. Deshalb nutzt man sie als Einreibung oder Badezusatz. Zu diesem Zweck sind sie beispielsweise Bestandteil des Franzbranntweins und von Erkältungsbädern.

Achtung! Beim Einsatz von ätherischem Fichtennadelöl muss beachtet werden, dass es bei Säuglingen und Kleinkindern bis zu 3 Jahren nicht eingesetzt werden darf (Stimmritzenkrampf).

Und zum Schluss …

Der Weihnachtsbaum hat seinen Ursprung im heidnischen Winterbrauchtum. Mit immergrünen Zweigen betrieb man zur Wintersonnwende Schutz- und Fruchtbarkeitszauber. Erst ab dem 15. Jahrhundert wurden aus den Zweigbüscheln Weihnachtsbäume, die man mit Früchten und Nüssen schmückte. Seit dem 19. Jahrhundert ist der Weihnachtsbaum Inbegriff des Weihnachtsfestes.  

Literatur

[1] Beiser R. Baum und Mensch. Stuttgart: Ulmer; 2017

[2] Liste der Monographien der E-Kommission (Phyto-Therapie)

[3] Blaschek W, Ebel S, Hackenthal E, Holzgrabe U, Keller K, Reichling J, Schulz V Hrsg. Hagers Enzyklopädie der Arzneistoffe und Drogen. Stuttgart: WVG/Springer; 2014

Wichtiger Hinweis

Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.

Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.

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