Pflanzenheilkunde

Wie die Kapland-Pelargonie bei akuter Nasennebenhöhlenentzündung helfen könnte

10. Oktober 2022
Kapland-Pelargonie

Der portugiesische König Johann II soll den Namen „Kap der guten Hoffnung“ geprägt haben. Die Entdeckung der Felsenzunge Südafrikas ermöglichte den Seeweg nach Indien. Neue Wege bietet das Kap heute auch für die Pflanzenheilkunde: in Form der Kapland-Pelargonie für die Behandlung der akuten Nasennebenhöhlenentzündung.

Sebastian Vigl

Lesezeit: 4,5 Minuten

Die Kapland-Pelargonie gedeiht auf steinigem Boden

Die auch unter den Namen Südafrikanische Geranie, Umckaloabo-Wurzel oder Kapgeranie bekannte Kapland-Pelargonie (Pelargonium sidoides) zählt zur Familie der Storchschnabelgewächse. Die Pflanze wächst vor allem in Südafrika auf steinigem Boden. Sie gilt als widerstandsfähig und kann in Höhen von 2.300 Metern noch gedeihen. In der Volksheilkunde des südlichen Afrikas spielt die Pflanze schon lange bei der Behandlung von Infektionen der Atemwege und des Magen-Darm-Trakts eine wichtige Rolle.

Heute ist sie bei uns vor allem wegen ihrer Anwendung bei Bronchitis bekannt, in der Apotheke sind standardisierte Pelargonien-haltige Arzneimittel verfügbar. Diese könnten auch bei der akuten Nebenhöhlenentzündung hilfreich sein, wie die praktische Erfahrung und erste Studien zeigen.

Was Du über die akuten Nasennebenhöhlenentzündung wissen musst

Neben, über und hinter Deiner Nase befinden sich knöcherne Hohlräume: die Nasennebenhöhlen. Wozu sie gut sind, darüber wird noch kontrovers diskutiert. Unter anderem können sie im Winter Deine Atemluft erwärmen.

Wenn bedingt durch einen Schnupfen die Schleimhäute der Nase anschwellen, kann das in den Nasennebenhöhlen befindliche Sekret erschwert oder nicht mehr über die Nase abfließen. Das macht die Schleimhaut der Nasennebenhöhlen anfällig für Krankheitserreger. Zu Beginn freuen sich meist Viren darüber, im weiteren Verlauf können auch Bakterien die Schleimhäute befallen.

Eine akute Nasennebenhöhlenentzündung (akute Sinusitis) hält oft einige Wochen an und kann mehrmals im Jahr auftreten. Typische Beschwerden sind Druckgefühl rund um die Nasengegend sowie Schmerzen im Gesicht und/oder im Kopf, die sich beim Bücken, Husten oder Niesen verschlimmern. Daneben sind eine erschwerte Nasenatmung und zähes, gelblich-grünes Sekret typisch.

Hinweis: Eine akute Nasennebenhöhlenentzündung ist lästig, aber meist harmlos. Wenn sich Deine Beschwerden jedoch nach spätestens 3 Tagen nicht bessern, solltest Du eine Ärztin oder einen Arzt aufsuchen. Besondere Vorsicht ist bei folgenden Symptomen geboten:

  • hohes Fieber
  • starke Gesichts- und/oder Kopfschmerzen
  • Sehstörungen
  • Schwellungen und/oder Rötungen um die Augen
  • Verwirrtheit
  • Lichtempfindlichkeit
  • Nackensteife

Wenn Du solche Beschwerden an Dir beobachtest, suche umgehend eine Ärztin oder einen Arzt auf! Es ist dann möglich, dass der Entzündungsprozess sich auf benachbarte Organe wie Augen oder Gehirn ausgebreitet hat.

Über die Wirkweise der Kapland-Pelargonie

In der modernen Phytotherapie findet die Pflanze vor allem als Extrakt Anwendung. Das Extrakt aus der Pelargonie zeigt in Studien antibakterielle, antivirale und entzündungshemmende Eigenschaften. Es erschwert Bakterien die Ansiedlung an der Atemschleimhaut und hemmt die Vermehrung der meisten Erkältungsviren [1]. Außerdem stimuliert es die Immunabwehr und beeinflusst eine wichtige mechanische Abwehrfunktion positiv: Die Flimmerhärchen (Zilien) in unserer Nase schlagen nach Einnahme der Pflanze schneller. Das hat zur Folge, dass der Schleim in der Nase und an ihm haftende Krankheitserreger schneller aus der Nase befördert wird. Das entlastet auch die Nasennebenhöhlen, deren Sekret wieder leichter über die Nase abfließen kann. Dadurch können Krankheitserreger besser abtransportiert werden und ein Abschwellen der entzündeten Schleimhaut wird gefördert.

Für die beschriebenen Wirkungen sollen die Gerbstoffe und die Cumarine der Wurzel hauptverantwortlich sein – genauere Studien für den Wirkmechanismus stehen noch aus.

Wurzel der Kapland-Pelargonie
Die in der Wurzel enthaltenen Gerbstoffe und Cumarine scheinen für die
lindernde Wirkung der Pflanze bei Bronchitis und Nasennebenhöhlen-
entzündung verantwortlich zu sein.

Das sagen die klinischen Studien zur Kapland-Pelargonie bei akuter Nasennebenhöhlenentzündung

In einer 2009 veröffentlichten Studie bekam ein Teil von 103 Probanden mit einer akuten Nebenhöhlenentzündung ein Pelargonien-Präparat. Die andere Gruppe erhielt ein Placebo. Das Pelargonien-Präparat wurde gut vertragen und war deutlich effektiver als das Placebo. Das Pelargonien-Präparat führte zu einem schnelleren Abklingen des Fiebers und zu einer schnelleren Verbesserung von Schlaf und Lebensqualität. Die Studie wurde bereits nach 7 Tagen gestoppt, da die Überlegenheit des Präparats angeblich so deutlich war. [2]

2013 wertete das internationale Forschungsnetzwerk Cochrane die bisherigen wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wirksamkeit der Pelargonie aus. Ihr Urteil klang noch recht zögerlich: Bei der Nebenhöhlenentzündung sei die Arzneipflanze „möglicherweise effektiv“. [3]

Auf Grund der obigen Publikationen ([2] und [3]) findet sich die Pelargonie auch in der ärztlichen Leitlinie für die Behandlung der Nasennebenhöhlenentzündung. [4] Die Leitlinie wird aktuell überarbeitet – in der neuen Fassung dürfte die Pflanze vermutlich mehr Berücksichtigung erhalten. Unter anderem wegen einer 2020 erschienen klinischen Studie mit 50 Patienten, die an einer bakteriellen Entzündung der Nase und der Schleimhaut der Nebenhöhlen (Rhinosinusitis) litten. Eine Hälfte bekam ein Antibiotikum (Amoxicillin), die andere ein standardisiertes Pelargonien-Präparat. Die Ergebnisse waren erstaunlich: Die Arzneipflanze war dem Antibiotikum hinsichtlich Wirkung und Verträglichkeit überlegen. [5]

Die Ergebnisse dieser Studien klingen vielversprechend. Es ist daher wünschenswert, dass nun klinische Studien mit größerer Probandenzahl das Potenzial der Pelargonie bei der akuten Entzündung der Nasennebenhöhlen untersuchen.

Was bei der Anwendung der Kapland-Pelargonie zu beachten ist

Greife lieber nicht zu günstigen Nahrungsergänzungsmitteln mit Pelargonie, sondern zu standardisierte Pelargonien-haltigen Arzneimitteln aus der Apotheke. Du solltest diese bei der akuten Nasennebenhöhlenentzündung auch nicht anwenden, ohne das mit Deinem Arzt oder Deiner Ärztin besprochen zu haben.

Die Kapland-Pelargonie wird in der Regel gut vertragen, nach der Einnahme sind jedoch Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Sodbrennen, Durchfälle und Magenschmerzen möglich. Aus der Kapland-Pelargonie hergestellte Präparate sollten nicht bei einer starken Beeinträchtigung der Leber- und Nierenfunktion und bei erhöhter Blutungsneigung zur Anwendung kommen. Von einer Einnahme während der Stillzeit wird abgeraten, während der Schwangerschaft ist eine Einnahme nach ärztlicher Rücksprache möglich.

Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sind theoretisch möglich, zum Beispiel mit blutverdünnenden Medikamenten (auf Grund des Cumarin-Gehalts der Pflanze). Wer Medikamente einnimmt, sollte daher zunächst den Rat einer Apothekerin oder eines Arztes einholen, bevor er Zubereitungen aus der Heilpflanze einnimmt.

Zum Schluss

Der Arzneischatz Südafrikas bereichert in den letzten Jahrzehnten unsere phytotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten. Zu diesem zählen zum Beispiel Pflanzen wie Bucco (Agathosma betulina), die Ballonerbse (Sutherlandia frutescens) und die Kapland-Pelargonie. Letztere wird als Phyto-Arznei vor allem bei Bronchitis geschätzt. Ergebnisse aus Praxis und Studien zeigen, dass sie auch bei der akuten Entzündung der Nasennebenhöhlen eine interessante Option könnte. Für einen häufigeren Einsatz bei der Nasennebenhöhlenentzündung könnte eine Nennung in der ärztlichen Leitlinie und weitere klinische Studien mit größerer Probandenzahl sorgen.

Literatur

[1] Roth M, Fang L, Stolz D, Tamm M. Pelargonium sidoides radix extract EPs 7630 reduces rhinovirus infection trough modulation of viral binding proteins on human bronchial epithelial cells. PLoS ONE. 2019; 14: e0210702

[2] Bachert C, Schapowal A, Funk P, Kieser M. Treatment of acute rhinosinusitis with the preparation from Pelargonium sidoides EPs 7630: a randomized, double-blind, placebo-controlled trial. Rhinology. (2009); 47(1): 51–58

[3] Timmer A, Gunther J, Motschall E, Rucker G, Antes G, Kern WV. Pelargonium sidoides extract for treating acute respiratory tract infections. Cochrane Database Syst Rev 2013; 10: CD006323

[4] Leitlinie ‚Rhinosinusitis‘ Langfassung: Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- un Hals-Chirurgie: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/017-049_und_053-012l_S2k_Rhinosinusitis_2019-04-abgelaufen.pdf, abgerufen am 25.04.2022

[5] Perić A, Gaćeša D, Barać A, Sotirović J, Perić AV. Herbal Drug EPs 7630 versus Amoxicillin in Patients with Uncomplicated Acute Bacterial Rhinosinusitis: A Randomized, Open-Label Study. Ann Otol Rhinol Laryngol. 2020 Oct; 129(10): 969-976

Wichtiger Hinweis

Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.

Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.

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