Pflanzenheilkunde

Wie der Liebstöckel zum Aphrodisiakum wird

7. Oktober 2022
Liebstöckel

In einigen bayrischen Gärten steht ein „Luststecken“, bei manchem Kärntner Garten hingegen einen „Luststock“. In Baden wächst „Liebrohr“, in der Eifel „Liebstengel“. All dies sind regionale volkstümliche Bezeichnungen für den auch als Maggi-Pflanze bekannten Liebstöckel – und sie verweisen unzweideutig auf seine möglichen aphrosidisierenden Eigenschaften.

Sebastian Vigl

Lesezeit: 3,5 Minuten

Historische und moderne Verwendung des Liebstöckels in der Phytotherapie

Im Mittelalter schätzte man die aromatische Wurzel des Liebstöckels (Levisticum officinale) unter anderem als Mittel gegen Halsentzündungen und zur Anregung der Monatsblutung. Dies geht zum Beispiel aus dem Liber Trotula hervor, einer medizinischen Schrift aus dem 12. Jahrhundert, die sich vor allem der Frauenheilkunde widmete.

Im 19. Jahrhundert fand die Pflanze dagegen unter anderem bei Rheuma, Verdauungsbeschwerden, allgemeiner Schwäche, Blasen- und Nierenleiden und Verschleimung der Bronchien Anwendung. Bei ein paar dieser Indikationen setzt man die Pflanze auch heute noch ein: Auf Grund der diuretischen und krampflösenden Wirkung ihres ätherischen Öls findet die Wurzel des Liebstöckels (Levistici radix) in der Pflanzenheilkunde vor allem bei Infektionen der Harnwege Anwendung. Die durch die Wurzel bedingte Erhöhung der Harnmenge soll helfen, Keime aus den Harnwegen zu spülen. Auch zur Vorbeugung von Nierengries (kristalline Ablagerungen in der Niere) kann das hilfreich sein. [1]

So nennt auch die Monografien der Kommission E und der HMPC als Indikationen die Durchspülungstherapie bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege und vorbeugend bei Nierengries.

Durchblutungsförderung: Das „Lustprinzip“ der Liebstöckelwurzel?

Doch da gibt es noch eine weitere Verwendungsmöglichkeit: Der Liebstöckel als Aphrodisiakum. In der Wurzel des Liebstöckels (Levistici radix) finden sich als bekannte Hauptwirkstoffe bis zu 1,7 % ätherisches Öl und Cumarine. Bestandteil des ätherischen Öls sind Phtalide wie das Butylphthalid, das nicht nur für den sellerieartigen Geschmack des Liebstöckels verantwortlich ist. Studien zufolge hat Butylphthalid eine die Nervenzellen schützende Wirkung. [2]. Zudem soll es die Durchblutung des Gehirns anregen.

Zusammen mit den anderen Bestandteilen des ätherischen Öls soll auch eine Durchblutungssteigerung des Beckens erfolgen. Dies ist eine Hypothese für den aphrodisierenden Effekt des Liebstöckels – und seiner nahen Verwandten wie Sellerie oder Meisterwurz. Ihr ätherisches Öl aus der Wurzel weist eine ähnliche Zusammensetzung auf wie die des Liebstöckels.

Wie viele andere aphrodisierenden Pflanzen regt Liebstöckel auch den Appetit an. Aus Sicht der Naturheilkunde gehen Appetit, Libido, Lebenslust und Neugier miteinander einher, sie sind miteinander verknüpft. Wird das eine angekurbelt, fördert das oft auch die anderen Aspekte.

Liebstöckel als Aphrodisiakum anwenden

Die folgende Teemischung stammt aus meiner Praxis, Du kannst sie Dir in Kräuterapotheken mischen lassen. Sie enthält 2 weitere Heilpflanzen mit ätherischen Ölen, die anregend auf den Unterleib wirken könnten: Basilikum (Ocimum basilicum) und die als Aphrodisiakum bekannte Damiana (Turnera diffusa). Zusätzlich hemmen die Inhaltsstoffe der Damiana das Enzym Aromatase, was zu einer Steigerung des Testosteronspiegels und damit zu einer Steigerung der Lust bei beiden Geschlechtern führen kann.

Offizielle Monografien der Kommission E oder der HPMC führen bei Liebstöckel und den anderen Pflanzen des Teerezeptes keine aphrodisierende Wirkung auf. Ihre Anwendung bei Lustlosigkeit beruht auf meiner persönlichen Erfahrung und den Erkenntnissen der Erfahrungsheilkunde.

Libidotee mit Liebstöckel

Zutaten

  • 40 g Basilikumkraut (Basilici herba)
  • 60 g Damianablätter (Damianae folia)
  • 90 g Liebstöckelwurzel (Levistici radix)

Zubereitung/Dosierung

Übergieße bis zu 3-mal täglich 1 EL der Teemischung mit 250 ml siedendem Wasser und lasse sie zugedeckt 20 Minuten ziehen. Trinke den Tee ungesüßt vor den Mahlzeiten.

Hinweis: Auf Grund der diuretischen Wirkung des Liebstöckels empfehle ich die Teemischung nicht länger als 4 Wochen ohne Unterbrechung anzuwenden.

Liebstöckel ist auch ein prima Gewürz für Suppen, Eintöpfe, Käsebrote oder Salate. Hierfür kannst Du frische oder getrocknete Blätter der Pflanze verwenden.

Bei der Anwendung bitte beachten

Auf Grund des ätherischen Öls den Liebstöckel nicht bei Entzündungen der Niere anwenden! Die ätherischen Öle könnten das Nierengewebe zusätzlich reizen. Bei Ödemen infolge einer Herz- oder Nierenfunktionsstörung ist ebenso zur Vorsicht geraten: Eine Einnahme von Liebstöckel darf dann nur mit ärztlichem Einverständnis erfolgen.

Wer Liebstöckel oder die obige Teemischung über einen längeren Zeitraum (länger als 4 Tage) regelmäßig einnimmt, sollte auf übermäßiges Sonnenbaden verzichten. Liebstöckel enthält Furanocumarine, die die Haut empfindlicher machen gegenüber UV-Strahlung. Beim Vorliegen von Ödemen infolge eingeschränkter Herz- und Nierentätigkeit soll eine Durchspülungstherapie mit Liebstöckelwurzel nicht durchgeführt werden. Zudem gibt es noch keine Untersuchungen zur Unbedenklichkeit der Liebstöckelwurzel während der Schwangerschaft und Stillzeit: hier bedarf der Einsatz das ärztliche Einverständnis.

Auch wenn bis heute keine Wechselwirkungen der Pflanze bekannt sind, sollte ihr Einsatz mit ärztlichem Einverständnis erfolgen, wenn begleitend Medikamente eingenommen werden. Für die innerliche Einnahme der anderen Teebestandteile sind nach heutigem Erkenntnisstand keine unerwünschten Wirkungen bekannt, auch keine Wechselwirkungen mit Medikamenten. Dennoch sollte auch hier die mit ärztlichem Einverständnis erfolgen, insbesondere während der Schwangerschaft bzw. Stillzeit.

Auch wichtig: Die Behandlung von Lustlosigkeit (Libidoverlust) mit der obigen Teemischung ersetzt nicht die ärztliche Diagnose oder Therapie. Vermindertes sexuelles Verlangen kann psychische und körperliche Ursachen haben, die ärztlich abgeklärt werden müssen.

Und zum Schluss

Unser Blut ist eine kostbare Ressource. Seine Verteilung wird im Körper streng überwacht, über die Blutgefäße wird die Versorgung der Organsysteme gedrosselt bzw. erhöh. Heilpflanzen mit ätherischen Ölen können diese Verteilung beeinflussen und lokal die Durchblutung steigern. Auch beim Liebstöckel ist dies der Fall. Seine ätherischen Öle sollen unter anderem die Durchblutung des Beckens und damit auch der dort befindlichen Geschlechtsorgane fördern. In der Theorie könnte dies die Lust steigern … Und in der Praxis? Das muss jede/r für sich selbst herausfinden.

Literatur

[1] Yarnell E. Botanical medicines for the urinary tract. World J Urol. 2002 Nov; 20(5): 285-93

[2] Amraie E, Pouraboli I, Rajaei Z. Neuroprotective effects of Levisticum officinale on LPS-induced spatial learning and memory impairments through neurotrophic, anti-inflammatory, and antioxidant properties. Food Funct. 2020 Jul 22; 11(7): 6608-6621

Wichtiger Hinweis

Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.

Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.

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