Historisches

Scriptorium des Klosters Lorsch (ca. 795 n.Chr.): Das Lorscher Arzneibuch

5. Januar 2024
Historische Bücher

Papyrus Ebers, Lorscher Arzneibuch, New Kreuterbuch? Bekannt! Hippokrates von Kos, Dioskurides, Walahfrid Strabo? Natürlich auch! Was aber wissen Sie über diese Werke oder ihre Verfasser denn tatsächlich? Kurze und übersichtliche Zusammenfassungen lesen Sie hier. Immer freitags! Denn wir haben da mal was zusammengestellt …

Iris Eisenmann-Tappe

Der Codex Bambergensis medicinalis 1, eine karolingische Handschrift in lateinischer Sprache, wurde um 795 n. Chr. von mehreren Händen im Scriptorium des Klosters Lorsch erstellt; als Verfasser bzw. Kompilator wird eine hochstehende Persönlichkeit des Klosters vermutet. Der Codex erhielt die Bezeichnung „Lorscher Arzneibuch“ von dem Würzburger Medizinhistoriker Gundolf Keil, der mit seinen Mitarbeitern in den 1980er Jahren das vorher nur wenigen Fachleuten bekannte Werk übersetzte und editierte. Diese Forschungsarbeiten brachten die überragende Bedeutung des Codex ans Licht, der im Kloster Lorsch bis ins 10. Jahrhundert als Hand- und Lehrbuch der Klostermediziner im Gebrauch gewesen war und bis dato das älteste erhaltene Medizinbuch Deutschlands ist. Seit 2013 gehört das Lorscher Arzneibuch zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Den größten Anteil des Codex machen die medizinischen Rezepte und die galenischen Anweisungen zu ihrer Herstellung und Verwendung aus, von denen viele auf Dioskurides, Plinius und Galen, aber auch auf Autoren der byzantinischen Medizin zurückgehen. Über 600 verschiedene Pflanzenarten kommen als Ingredienzien zum Einsatz. Die am häufigsten genannte Pflanze ist der Fenchel – eine der beliebtesten Arzneipflanzen der ganzen Klostermedizin. Überraschend häufig finden sich aber auch Gewürze aus Asien, allen voran Ingwer und Pfeffer, sowie Harze aus Arabien wie Myrrhe, Mastix, Weihrauch oder Gummi arabicum, das Harz verschiedener Acacia-Arten.

Von besonderer kulturhistorischer Bedeutung ist die Einleitung, denn sie stellt eine Verteidigung der Heilkunde dar, zu der der Verfasser sich genötigt sah. Die frühmittelalterliche Mentalität war medizinfeindlich, denn man sah in den Bemühungen, Menschen zu heilen, einen nicht statthaften Eingriff in den göttlichen Heilsplan. Die Ablehnung der antiken Medizin als „heidnisch“ hatte zur Folge, dass uns viel vom medizinischen Wissensschatz der Antike verlorengegangen ist.

So beginnt der Verfasser sein Werk mit den Worten:

„Ich bin genötigt, denen zu erwidern, die sagen, ich hätte dieses Buch unnützerweise geschrieben […] Jedoch wie taub hörte ich nicht auf ihre Worte, weil ich die Notlage der Hilfsbedürftigen für wichtiger ansah als den Tadel derer, die gegen mich tobten […]“

Lorscher Arzneibuch

Es gelingt dem Verfasser in der darauffolgenden Argumentation, aus Bibeltexten herzuleiten, dass das Heilen (mithilfe der von Gott gegebenen Kenntnisse) ein notwendiger Akt christlicher Nächstenliebe sei. Das Lorscher Arzneibuch gilt damit als ein Zeugnis der Innovationen, die sich mit der Karolingischen Bildungsreform abzuzeichnen begannen. Auch auf einen anderen interessanten Aspekt wirft der Codex ein Licht: die schwierige Finanzierung medizinischer Leistungen. Reiche Patienten sollten dem Arzt eine Gelegenheit zum Gewinn sein, schreibt der Verfasser, bei Armen möge er sich mit „einer Winzigkeit“ abfinden lassen. Weiterhin waren die in den antiken Quellen angegebenen Pflanzen oder Drogen, die oft aus dem Vorderen Orient stammten, zur Zeit des Verfassers sehr teuer geworden. Aus diesem Grund weist das Lorscher Arzneibuch an, auf heimische Heilpflanzen auszuweichen:

„Wir dagegen erfreuen uns an den gewöhnlichen Kräutern der Wiesen, welche das flache Land und die hohen Berge hervorbringen. Seid deshalb gegrüßt, ihr heiligen Berge und Felder der Heimat, denn eure Gaben taugen für viele Behandlungen.“

Lorscher Arzneibuch

Für die moderne Phytotherapieforschung birgt das Lorscher Arzneibuch daher eine Fülle von Informationen und Anregungen, gerade in Hinsicht auf die Verwendungsmöglichkeiten traditioneller europäischer Arzneipflanzen.

Mehr erfahren?

Mehr über historische medizinische Schriften, deren Verfasser und die Anwendung der Heilpflanzenkunde in der Klostermedizin lesen Sie in: Klostermedizin bei Erkrankungen des Verdauungstrakts | 9783132416437 | Thieme Webshop

Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.

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