Pflanzenheilkunde

Kümmel beruhigt den Bauch

28. November 2023
Kümmel

Von wegen altbacken! Als Gewürz in Kraut- und Kartoffelgerichten ist uns der Kümmel ja bestens bekannt. Doch weißt Du auch, welche hervorragenden Wirkungen auf die Gesundheit diese eher unscheinbare Pflanze haben kann? Lass Dich überraschen, wie der Kümmel Verdauung und Stoffwechsel auf Touren bringt.

Martin Zwiesele

Lesezeit: 6 Minuten

Kümmel – nicht so exotisch wie vermutet

Der Kümmel (Carum carvi) begleitet uns Menschen als eines der ältesten Gewürze seit der Steinzeit, wie Funde in Pfahlbauten beweisen. Auch in ägyptischen Pyramiden wurde er als Grabbeigabe gefunden.

Der deutsche Name Kümmel ist abgeleitet von dem lateinischen Wort cuminum. Die Römer bezeichneten damit den im Mittelmeerraum verbreiteten Kreuzkümmel (Cuminum cyminum). Der Name wurde schließlich auch für den in Deutschland heimischen Kümmel, auch Wiesenkümmel genannt, verwendet. Der Gattungsname Carum geht auf das Griechische karon zurück, was ebenfalls ursprünglich den Kreuzkümmel bezeichnete [1].    

Der Kümmel gehört zur Familie der Doldenblütler (Apiaceae). In Europa wie auch im asiatischen Raum weit verbreitet, zählt er in Deutschland zu den häufig vorkommenden Wildpflanzen. Gerne wächst er auf Wiesen, Weiden oder auch an Wegrändern. Seiner spindelförmigen Pfahlwurzel entspringt ein 30-100 cm langer, aufrechter und verästelter, kantiger Stängel. Die Blüten haben 8-16 Doldenstrahlen mit weißlich bis rötlich gefärbten Einzelblüten [2]. Die Früchte werden geerntet, sobald sie beginnen braun zu werden, etwa im Zeitraum Juli bis September.

Traditionelle und historische Anwendungen des Kümmels 

Der Einsatz des Kümmels bei Verdauungsbeschwerden ist erst seit dem Mittelalter belegt. Er scheint damals als Gewürz zum Kochen, Backen, zur Herstellung von Arzneimitteln oder Likören weit verbreitet gewesen zu sein.

Der Kümmel wurde den mittelalterlichen Quellen zufolge innerlich gegen alle möglichen Verdauungsbeschwerden eingesetzt: Blähungen, Meteorismus und Übelkeit, sowie zur Verdauungsförderung und Stärkung der Verdauungsorgane; äußerlich außerdem als mit dem Kümmelaufguss getränkte Auflage. Seine krampflösende Wirkung sowie die Anregung der Milchsekretion belegen auch seine breite Verwendung in der Frauenheilkunde. Zudem ist ein früherer Einsatz als Diuretikum, bei Atemwegserkrankungen und Hautleiden belegt [3].

Bis heute werden der Kümmel und Kreuzkümmel in verschiedenen Kulturen bei zahlreichen unterschiedlichen Indikationen eingesetzt [4].

Welche Wirkungen und Indikationen sind heute in Studien belegt?

Es gibt zahlreiche Studien, die sich im Wesentlichen auf den Einfluss des Kümmels auf den Verdauungstrakt konzentrieren. Am besten erforscht ist seine Anwendung bei funktioneller Dyspepsie, auch Reizmagen genannt. Unter diesem Begriff ist ein großes Spektrum an Verdauungsbeschwerden wie Übelkeit nach dem Essen, Schmerzen im Oberbauch, Aufstoßen oder Blähungen zusammengefasst. Die funktionelle Dyspepsie ist eine sogenannte Ausschlussdiagnose, das heißt die Beschwerden sind nicht auf organische Funktionsstörungen oder Schäden zurückzuführen. In Studien konnte nachgewiesen werden, dass der Einsatz des Kümmelöls bei Reizmagen dosisabhängig zu einer Hemmung der glatten Muskulatur in Speiseröhre, Magen, Gallenblase und Dünndarm führt [5].

Im weiteren Sinne kann der Kümmel bei Beschwerdebildern eingesetzt werden, die Symptome funktioneller Herzbeschwerden verursachen. Beim sogenannten Roemheld-Syndrom treten unterschiedlich stark ausgeprägte Herzbeschwerden bis hin zu Angina pectoris-Symptomen auf. Ursache ist ein übermäßig geblähter Darm, der das Zwerchfell nach oben drückt, welches dann wiederum Druck auf das Herz ausübt.

Die therapeutische Wirkung des Kümmels auf den Verdauungstrakt reicht jedoch weit über funktionelle Störungen hinaus. Auch zahlreiche pathogene Darmbakterien inklusive Helicobacter pylori konnten Studien zufolge durch Kümmelöl reduziert werden, ohne dass der physiologische Anteil der Darmflora dadurch beeinträchtigt wurde. Das in vitro nachgewiesene Potenzial des Kümmels gegen Magengeschwüre wird vor allem dem hohen Gehalt an Flavonoiden mit ihrer antioxidativen Tendenz zugeschrieben. Ferner werden antidiabetische, harntreibende, immunmodulierende, schmerzstillende und antiosteoporotische Wirkungen untersucht. Offenbar unterstützt Kümmel zudem die Aufnahme anderer Arzneistoffe im Körper [4].

Im Zusammenhang mit leberschützenden Aspekten des Kümmels werden auch der Einsatz gegen Übergewicht, Fett- und Zuckerstoffwechselstörungen untersucht. Außerdem konnten antimikrobielle und entzündungshemmende Effekte belegt werden [7]. Andere Studien beschäftigen sich mit Einsatzmöglichkeiten in der Onkologie: Die Ausprägung und Folgen von Dickdarmkrebs bei Ratten konnten durch Gabe von Kümmel gelindert werden, was auch auf die antioxidativen Wirkungen zurückgeführt wurde [8].

Hinweis: Die vorgestellten Studienergebnisse dienen nicht als Anleitung zur Selbstbehandlung. Sie sind hier beispielhaft genannt, um das mögliche Potenzial der Pflanze aufzuzeigen. Weitere wie Studien sind notwendig.

Was steckt drin im Kümmel?

  • Ätherisches Öl (davon 45-65% D-Carvon für das typische Kümmel-Aroma)
  • Fettes Öl
  • Proteine
  • Kohlenhydrate
  • Flavonoide

Anerkannte medizinische Anwendungen

Die Kommission E empfiehlt Kümmel und Kümmelöl bei dyspeptischen Beschwerden wie leichten, krampfartige Magen-Darm-Beschwerden, Völlegefühl und Blähungen. Verwendet werden die reifen Kümmelfrüchte (Carvi fructus) oder das ätherische Kümmelöl (Carvi aetheroleum). Aufgrund langjähriger Anwendung wird auch die äußere Anwendung von Kümmelöl im Bauchbereich in Zubereitungen wie Salben positiv erwähnt [9].

Anwendung

Verwendet wird Kümmel als Tee, ätherisches Öl, alkoholische Auszüge oder weitere Extrakte.

Kümmel-Tee: 1-5 g getrocknete Kümmelfrüchte mit kochendem Wasser übergießen, 15 Minuten zugedeckt ziehen lassen und anschließend abseihen. Kümmelfrüchte am besten vor dem Auszug im Mörser anstoßen oder pulverisieren, um die Wirksamkeit der Droge zu verbessern.

Ätherisches Öl: Maximal 3-5 Tropfen Kümmelöl täglich einnehmen, etwa auf einem Stück Zucker oder in Wasser. Für die äußerliche Anwendung 10% Kümmelöl in einem fetten Öl wie Olivenöl mischen.

Hinweis: Für die innerliche Anwendung muss das ätherische Öl Lebensmittel- oder Arzneimittelqualität haben. Unbedingt die Deklaration des Öles beachten! Alternativ gibt es auch Fertigarzneimittel mit Kümmelöl.

Anwendungsbeispiele für den Alltag

Neben der bekannten Verwendung als Gewürz, etwa in Kartoffel- oder Kohlgerichten, kommt der Kümmel therapeutisch auch als klassische Kombination in der sogenannten 4-Winde-Mischung zum Einsatz. Und wer nun an die abgehenden Darmwinde denken muss, liegt goldrichtig! 

4-Winde-Mischung

Die 4-Winde-Mischung kannst Du als Tee zu Dir nehmen oder in Form eines Öles.

Zutaten

Nimm sowohl für die Zubereitung für einen Tee als auch für das Öl zu gleichen Teilen

  • Fenchelfrüchte (Foeniculi fructus)
  • Anisfrüchte (Anisi fructus)
  • Kümmelfrüchte (Carvi fructus) – alternativ wird auch zuweilen Kreuzkümmel verwendet
  • Korianderfrüchte (Coriandri fructus)

Diese 4 Doldenblütler bilden bei einfachen Verdauungsproblemen ein starkes Team:

  • Fenchel, mit seiner beruhigenden, entspannenden Tendenz
  • Anis, mit antimikrobiellen Eigenschaften
  • Kümmel, als stark blähungswidrige und krampflösende Pflanze
  • Koriander, mit seiner entgiftenden und schmerzstillenden Wirkung

Zubereitung

Die Inhaltsstoffe halten sich am besten, wenn Du die Früchte erst vor der Weiterverarbeitung im Mörser anstößt, um die ätherischen Öle freizusetzen.

4-Winde-Tee: 1 gestrichenen TL der Mischung pro Tasse mörsern, mit 250 ml siedendem Wasser übergießen und 15 Minuten zugedeckt ziehen lassen. Heiß trinken. Dreimal täglich eine Tasse trinken, solange die Beschwerden anhalten. Du kannst diesen Tee auch etwas länger begleitend trinken, nach 2-3 Monaten aber auf jeden Fall eine Pause einlegen.

4-Winde-Öl: 4 EL der Mischung mörsern, für 4 Wochen in 200 ml Oliven- oder Sonnenblumenöl einlegen, dann abseihen. Das Öl mehrmals täglich im Bauchbereich einmassiert werden, insgesamt kannst Du dafür bis zu 1 EL des Öls verwenden. Nicht länger als 1-2 Wochen anwenden.

Hinweis: Sollten die dyspeptischen Beschwerden wie leichte krampfartige Magen-Darm-Beschwerden, Völlegefühl und Blähungen länger als 2-3 Tage andauern, muss ein Arzt oder Heilpraktiker konsultiert werden. Sollten sich die Beschwerden verschlimmern, sollten zusätzlich Symptome wie Fieber, Übelkeit und Erbrechen oder Schmerzen im Bauchraum auftreten, ist umgehend ein Arzt zu aufzusuchen.

Das Öl ist auch ein Klassiker für die äußerliche Behandlung von Dreimonatskoliken bei Säuglingen. Es wird vorsichtig in den Bauch einmassiert. Ich selbst und einige meiner erwachsenen Patienten und Patientinnen haben auch schon von der blähungswidrigen, krampflösenden und entspannenden Wirkung der Ölmassage profitiert.

Hinweis: Die Anwendung des Öles gegen Dreimonatskoliken bei Säuglingen setzt eine Konsultation des Kinderarztes und dessen Einverständnis der Anwendung voraus!  Die Dosierung für die Mischung des Öles für die Anwendung bei Säuglingen erfolgt individuell, bitte konsultieren Sie dafür einen in der Aromatherapie ausgebildeten Arzt, Heilpraktiker oder eine darin ausgebildete Hebamme. Die Anwendung einer Bauchmassage bei einem Säugling darf nur nach vorheriger Instruktion durch einen fachkundigen Arzt, Heilpraktiker oder eine Hebamme erfolgen.

Keine Anwendung bei Allergien oder Vorerkrankungen

Vorsicht bei bekannten Allergien gegen Doldenblütler: In diesem Fall Kümmel und Kümmelzubereitungen meiden! Solltest Du Leber- oder Gallenbeschwerden haben, dürfen Kümmel und Kümmelzubereitungen auch nicht angewendet werden.

Die langfristige Anwendung von Kümmelöl kann im schlimmsten Fall zu Leber- oder Nierenschäden führen. Daher solltest Du es nur nach Rücksprache mit Deinem Arzt bzw. Heilpraktiker anwenden.

Da für die Schwangerschaft, Stillzeit und bei Kindern unter 12 Jahren keine Untersuchungen vorliegen, sollten Kümmel und Kümmelzubereitungen in diesen Fällen nicht eingesetzt werden. Kümmelöl sollte unter 18 Jahren nicht eingenommen werden.

Zu Wechselwirkungen gibt es keine Erkenntnisse [9]. 

Ein deftiger Zeitgenosse mit vielen Qualitäten

Wenn Du die genannten Vorsichtsmaßnahmen einhältst, ist es spannend, sich etwas näher mit dem Kümmel auseinanderzusetzen. Er ist ein großer Helfer bei Verdauungsbeschwerden im Alltag. Allein der 4-Winde-Tee ist für jede gut ausgestattete Hausapotheke ein absolutes Muss!

Literatur

[1] Bäumler S. Heilpflanzenpraxis heute – Arzneipflanzenportäts. München: Elsevier; 2021. S. 257f.

[2] Blaschek W, Ebel S, Hackenthal E, Holzgrabe U, Keller K, Reichling J, Schulz V. Hrsg. Hagers Enzyklopädie der Arzneistoffe und Drogen. Stuttgart: WVG/Springer; 2014

[3] Madaus G. Lehrbuch der biologischen Heilmitte; Abt. 1: Heilpflanzen; Bd. 1. Leipzig: Thieme; 1938. 848 ff. Im Internet: Lehrbuch der biologischen Heilmittel / von Gerhard Madaus ; Abt. 1: Heilpflanzen; Bd. 1 (tu-braunschweig.de) am 15.11.2023

[4] Johri RK. Cuminum cyminum and Carum carvi: An update. Pharmacogn Rev. 2011 Jan; 5(9): 63-72 

[5] Al-Essa MK, Shafagoj YA, Mohammed FI, Afifi FU. Relaxant effect of ethanol extract of Carum carvi on dispersed intestinal smooth muscle cells of the guinea pig. Pharm Biol. 2010 Jan; 48(1): 76-80

[6] Thompson Coon J, Ernst E. Systematic review: herbal medicinal products for non-ulcer dyspepsia. Aliment Pharmacol Ther. 2002 Oct; 16(10): 1689-99

[7] Mahboubi M. Caraway as Important Medicinal Plants in Management of Diseases. Nat Prod Bioprospect. 2019 Jan; 9(1): 1-11

[8] Kamaleeswari M, Nalini N. Dose-response efficacy of caraway (Carum carvi L.) on tissue lipid peroxidation and antioxidant profile in rat colon carcinogenesis. J Pharm Pharmacol. 2006 Aug; 58(8): 1121-30

[9] Kooperation Phytopharmaka. Arzneipflanzenlexikon. Kümmel. Im Internet: https://arzneipflanzenlexikon.info/kuemmel.php am 04.11.2023

Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.

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