Pflanzenküche

Aus der Erde in die Tasse – Kaffeeersatz aus einheimischen Pflanzen

4. November 2022
Kaffeeersatz aus Wegwartenwurzel

Durchschnittlich trinkt jeder Deutsche etwa zwei Tassen Kaffee pro Tag. Neben dem herb-bitteren Aroma ist es vor allem das Koffein, weswegen er häufig konsumiert wird. Wer auf das Koffein verzichten möchte, kann auch auf Alternativen aus heimischen Pflanzen zurückgreifen – und diese sogar selbst herstellen.

Susanne Koch

Lesezeit: 4 Minuten

Kaffee oder pflanzlicher Kaffeeersatz?

Kaffee gehört hierzulande zu den liebsten Genussmitteln. Allerdings sind der Anbau und der Handel mit der Kaffeebohne ökologisch nicht ganz unumstritten. Denn der Anbau benötigt viel Land, für das teilweise Regenwald abgeholzt wird. Der Wasserverbrauch ist relativ hoch und die Gewinne streichen vielfach große Konzerne ein [1]. Wenn für Dich die wachmachende Wirkung des Koffeins nicht im Vordergrund steht, gibt es einige Alternativen aus heimischen Pflanzen. Einige davon kannst Du sogar selbst machen.

„Muckefuck“ ist manchen vielleicht noch ein Begriff, so nannten unsere (Ur-)Großeltern Kaffeeersatz. Der Kaffeeersatz wurde zu Kriegs- und Notzeiten häufig getrunken. Der Begriff stammt vermutlich vom französischen „Mocca faux” ab, was so viel bedeutet wie „falscher Kaffee“. Er bezeichnet ganz allgemein Getränke mit kaffeeähnlichen Bitter- und Röstaromen. 

Im Handel gibt es einige Kaffee-Ersatz-Produkte zu kaufen. Häufig werden diese aus gemälzter Gerste, Dinkel, Roggen, Lupinen oder Zichorienwurzel hergestellt. Auch aus den Früchten der Eichel oder der Esskastanie kann man kaffeeähnliche Getränke herstellen.

Recht einfach kannst Du wohlschmeckenden Kaffee aus den Wurzeln des Löwenzahns (Taraxacum sect. Ruderalia) oder der Wegwarte (Cichorium intybus) herstellen. Beide Pflanzen haben wertvolle Inhaltsstoffe.

Löwenzahnwurzeln (Taraxacum sect. Ruderalia)
Löwenzahnwurzeln (Taraxacum sect. Ruderalia) sind im Frühling besonders reich an Bitterstoffen, im Herbst hingegen steigt der Ballaststoffgehalt © JPC-PROD/stock.adobe.com

Wirkung der Löwenzahnwurzel

Löwenzahnwurzel enthält unter anderem Bitterstoffe vom Typ Sesquiterpenlactone und Taraxinsäure, Phytosterole, außerdem den präbiotischen Ballaststoff Inulin [2,3]. Im Frühling ist der Bitterstoffgehalt höher, im Herbst dagegen steigt der Gehalt an Inulin deutlich.

Die Kommission E, ESCOP und HMPC stufen die Löwenzahnwurzel als traditionelle pflanzliche Arzneimittel in Form von Tee, Tinktur, Frischpflanzenpresssaft und Fertigarzneimittel bei Störungen des Gallenflusses, zur Wiederherstellung von Leber- und Gallenfunktion, bei dyspeptischen Beschwerden wie Blähungen und Völlegefühl sowie zur Durchspülung der Harnwege ein. Neuere Studien befassen sich mit einer möglichen antitumoralen Wirkung der Löwenzahnwurzel [4].

Auf der seelischen Ebene wird dem Löwenzahn zugeschrieben, dass er Lebensfreude und Selbstbewusstsein bringt. Er erdet und bringt Klarheit in Emotionen [2].

Wirkung der Wegwartenwurzel

Wegwartenwurzel enthält zum Beispiel Bitterstoffe vom Typ Sesquiterpenlactone, Kaffeesäurederivate wie Cichoriensäure, Cumarine, Flavonoide und Inulin. Verglichen mit dem Löwenzahnwurzel wird die Ähnlichkeit der Inhaltsstoffe deutlich und dadurch auch, warum beide Wurzeln als Kaffeeersatz geeignet sind.

Die Kommission E und HMPC stufen Wegwartenwurzel als traditionelles pflanzliches Arzneimittel in Form von Tee als geeignet zur Anwendung bei Verdauungsbeschwerden wie Völlegefühl und Blähungen sowie bei Appetitlosigkeit ein. Außerdem könnte sie sie schwach galleflussfördernd wirken [2]. Traditionelle Anwendungen der Wegwarte sind darüber hinaus Melancholie und Schwächezustände nach langer Krankheit [2,3]. Forschungen zeigten außerdem eine positive Wirkung auf den Blutzucker und Blutfettgehalt [5].

Auf der seelischen Ebene soll die Wegwarte den Blick für das Wesentliche schärfen und dabei helfen, in die eigene Kraft zu kommen. [2]

So geht‘ s – der eigene Kaffeeersatz aus Löwenzahn- oder Wegwartenwurzel

Das Aroma des fertigen Getränks ist von verschiedenen Faktoren abhängig: Dem Standort der Pflanze, den Witterungsverhältnissen, dem Erntezeitpunkt und nicht zuletzt der Röstung. Um den eigenen Geschmack zu treffen, hilft nur eines: Ausprobieren. Kaffee aus Löwenzahn- oder Wegwarte schmeckt nussig-herb und etwas malzig. Die Farbe des aufgebrühten Kaffees ist im Vergleich zum Bohnenkaffe hell – lass Dich dadurch nicht irritieren, der Kaffee ist deshalb nicht zu dünn.

Die Vor- und Zubereitung von Kaffeeersatz ist bei beiden Pflanzen identisch. Deshalb schreibe ich hier der Einfachheit halber nur von „Wurzeln“, gemeint ist sowohl die Wurzel des Löwenzahns als auch der Wegwarte. Wenn Dir beide Pflanzen zur Verfügung stehen, kannst du mit beiden getrennt voneinander einen Kaffee herstellen und probieren. Danach kannst Du mit beiden Wurzeln Deine eigene Mischung kreieren.

Rezept Kaffee aus Löwenzahn- oder Wegwartenwurzel

Zutaten

  • 8–10 Wurzeln von Löwenzahn oder Wegwarte

Zubereitung

Wurzeln zunächst grob von Erde und Schmutz befreien. Dann ein erstes Mal abwaschen, das geht auch in der Regentonne. Zuletzt in klarem Wasser gründlich waschen und mit einer Bürste von allen Erdresten befreien. Für einen größeren Vorrat können es mehrere Wurzeln sein, je nach Verfügbarkeit.

Die Wurzeln mit einem Tuch oder Küchenpapier abtrocknen und in Stücke von höchstens 1 cm Länge schneiden. Kleinere Stücke trocknen besser und du erhältst beim Rösten mehr Aromen.

Mindestens einen Tag trocknen lassen. Dafür breitest Du die Wurzelstücke auf einem Tuch aus, sodass sie von allen Seiten gut belüftet werden. Wenn Du sie länger trocknen lassen möchtest, muss Du sie täglich wenden und auf Schimmelbefall achten.

Eine Pfanne ohne Fett auf mittlere Hitze bringen und die angetrockneten Wurzelstücke rösten. Sie sollen dunkel, aber nicht schwarz werden. Während des Röstens immer wieder umrühren, damit die Wurzeln nicht anbrennen, aber von allen Seiten geröstet werden.

Die abgekühlten, gerösteten Wurzeln in einer Kaffeemühle oder im Mixer fein pulverisieren.

Pro Tasse mit 200-ml-Inhalt gibst Du einen gehäuften TL Pulver in einen Filter und brühst mit kochendem Wasser auf. Fertig ist Dein Kaffee.

Tipp! Der Geschmack wird intensiver, wenn Du das Pulver direkt in das kochende Wasser gibst und nach 1–2 Minuten abseihst.

HINWEIS: Löwenzahn und Wegwarte gehören zu den Korbblütlern. Bei bekannter Korbblütlerallergie darfst Du die Wurzeln nicht verwenden. Löwenzahn darf außerdem nicht verwendet werden, wenn ein Verschluss der Gallengänge vorliegt.

Literatur

[1] SÜDWIND e.V. Auf ein Tässchen. Soziale und ökologische Herausforderungen im Kaffeeanbau (April 2020). Im Internet: https://www.suedwind-institut.de/files/Suedwind/Publikationen/2020/2020-04%20FS%20Auf%20ein%20T%C3%A4sschen.%20Soziale%20und%20%C3%B6kologische%20Herausforderungen%20im%20Kaffeeanbau.pdf; Stand: 27.10.2022

[2] Stumpf U. Von Magie bis Phythotherapie: Die Geschichte der Kräuter und Pflanzen, ihre Bedeutung und erfolgreiche Anwendung. Medmedia; 2010

[3] Stern C, Ell-Beiser H. Phytotherapie in Theorie und Praxis. AT Verlag; 2022

[4] Chatterjee SJ, Ovadje P, Mousa M et al. The efficacy of dandelion root extract in inducing apoptosis in drug-resistant human melanoma cells. Evid Based Complement Alternat Med. 2011; 2011: 129045. DOI: 10.1155/2011/129045

[5] Wang Q, Cui J. [A review on pharmic effect of chicory research and development]. Zhongguo Zhong Yao Za Zhi 2009; 34: 2269-72

[6] Zhu H, Zhao H, Zhang L et al. Dandelion root extract suppressed gastric cancer cells proliferation and migration through targeting lncRNA-CCAT1. Biomed Pharmacother 2017; 93: 1010-1017. DOI: 10.1016/j.biopha.2017.07.007

Wichtiger Hinweis

Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.

Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.

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