Pflanzenheilkunde

Weidenrinde bei Kopfschmerzen

7. Juli 2022
Weidenäste

Wer hat‘s erfunden? Vor über 100 Jahren begann die Erfolgsgeschichte der Acetylsalicylsäure, die sich in vielen Schmerzmittel findet. Dieser Wirkstoff ist jedoch keine Erfindung der Menschen, sondern eine der Pflanzen. Natürliche Salicylsäure finden wir in Weidenbäumen, deren Weidenrinde Dir bei Kopfschmerzen vielleicht helfen könnte.

Sebastian Vigl

Lesezeit: 3 Minuten

Schmerzmittel können helfen – und Probleme bereiten

Wer unter Kopfschmerzen leidet, ist nicht allein. Eindrücklich zeigt das eine im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) durchgeführte Umfrage: Beinahe 70 % der Befragten hatten im Jahr 2019 mindestens einmal Kopfschmerzen. Frauen sind besonders häufig davon betroffen: Jede Fünfte leidet ein- oder mehrmals pro Woche unter Kopfschmerzen.

20 % aller Befragten gaben an, bei Kopfschmerzen gleich zu einem Schmerzmittel zu greifen. Die Folge: Schmerzstillende Medikamente gehören für viele Menschen zum Alltag. Deren Wirkstoffe lindern Kopfschmerzen. Ihre häufige Einnahme kann jedoch mit schweren Nebenwirkungen einhergehen und wiederum Kopfschmerzen verursachen.

Was tun? Es ist ratsam, Schmerzmittel an weniger als 10 Tagen im Monat einzunehmen. Und: Heilpflanzen könnten Dir dabei helfen, Schmerzmittel zu reduzieren.

Ein schmerzstillender Stoff aus der Weidenrinde bei Kopfschmerzen

Unser moderner Alltag begünstigt Kopfschmerzen: Stress, Fehlbelastungen oder fehlende Bewegung sind häufige Auslöser. Doch auch unsere Vorfahren plagten die Schmerzen im Kopf und sie suchten nach Möglichkeiten, diese zu lindern. Seit mehreren Jahrtausenden zählt zu ihnen die Rinde von Weidenbäumen wie der Reif-Weide (Salix daphnoides), der Lorbeer-Weide (Salix pentandra), der Bruch-Weide (Salix fragilis) oder der Silber-Weide (Salix alba). Die Rinde all dieser Bäume schmeckt ein wenig bitter, was am Hauptwirkstoff Salicin liegt. Diesen wandeln verschiedene Enzyme in unserem Körper zur sogenannten Salicylsäure um.

Der Wirkmechanismus der Salicylsäure ist noch nicht abschließend geklärt. Bei Schmerzen wirkt sie aber wie der Wirkstoff Acetylsalicylsäure: Sie hemmt unter anderem das Enzym Cyclooxygenase (COX), das schmerzauslösende Botenstoffe (Prostaglandine) herstellt. Andere Inhaltsstoffe aus der Weidenrinde unterstützen diese Wirkung, unter anderem die zu den Farbstoffen zählenden Flavonoide [1].

Klinische Studien, die den Effekt von Weidenrinde bei Kopfschmerzen untersuchen, gibt es leider noch keine. Dafür aber jede Menge positive praktische Erfahrung. Daher spricht sich unter anderem die Sachverständigenkommission für pflanzliche Arzneimittel (Kommission E) für einen Einsatz von Weidenrinde bei Kopfschmerzen aus.

Weidenrinde bei Kopfschmerzen anwenden

Ein pflanzliches Arzneimittel mit Weidenrinden-Extrakt war jahrelang in Apotheken erhältlich. Trotz guter Erfahrungen ist es das leider nicht mehr.

Weiterhin verfügbar bleibt uns die Weidenrinde zum Beispiel als Teebestandteil. Ihr Geschmack sagt nicht allen zu. Schon allein deswegen ist es sinnvoll, sie mit anderen Heilpflanzen zu mischen, die sich ebenfalls bei Kopfschmerzen bewährt haben. Dazu zählen unter anderem die Schafgarbe (Achillea millefolium), das Mutterkraut (Tanacetum parthenium) und der Augentrost (Euphrasia officinalis). Von diesen Pflanzen ist das Mutterkraut hinsichtlich seiner Wirkung gegen Kopfschmerzen am besten erforscht. Es zeigt sich in Praxis und einzelnen, kleinen Studien hilfreich bei Spannungskopfschmerzen und Migräne [2]. Für die mögliche Wirkung von Schafgarbe und Augentrost bei Kopfschmerzen gibt es bis jetzt keine wissenschaftlichen Belege. Ihre Anwendung empfehle ich aber aufgrund eigener positiver Erfahrungen und den Erkenntnissen der Erfahrungsheilkunde.

Das folgende Teerezept aus meiner Praxis vereint Schafgarbe, Augentrost, Mutterkraut und Weide mit den beruhigenden Blüten der Linden (Tilia platyphyllos oder T. cordata). Bei akuten, einmalig auftretenden Kopfschmerzen ist seine Wirkung begrenzt. Die Rezeptur eignet sich vor allem zur regelmäßigen Einnahme bei anhaltenden oder wiederkehrenden Kopfschmerzen wie Spannungskopfschmerzen oder Migräne.

Hinweis: Wer Medikamente einnimmt, muss die Anwendung des nachfolgend beschriebenen Tees zuvor mit seiner Ärztin oder seinem Arzt besprechen.

Teemischung bei Kopfschmerzen

Zutaten

  • 20 g Lindenblüten (Tiliae flores)
  • 50 g Schafgarbenkraut (Millefolii herba)
  • 50 g Augentrostkraut (Euphrasiae herba)
  • 50 g Mutterkraut (Tanaceti parthenii herba)
  • 70 g Weidenrinde (Salicis cortex)

Zubereitung/Dosierung/Anwendung

Bis zu 6 Wochen lang bis zu 3-mal täglich 1 gestrichenen EL der Mischung mit 250 ml siedendem Wasser zugedeckt 20 Minuten ziehen lassen und ungesüßt vor den Mahlzeiten trinken. Nach einer 6-wöchigen Anwendung empfiehlt sich meiner Erfahrung nach eine mindestens einmonatige Pause. Dann kann der Tee erneut angewendet werden.  

Beachte: Nicht einnehmen bei bekannter Salicylat-Unverträglichkeit oder Allergie gegenüber Korbblütlern oder in der Schwangerschaft und der Stillzeit. Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind von der Teemischung nicht zu erwarten.

Wichtige Hinweise: Anhaltende, wiederkehrende oder neu auftretende Kopfschmerzen bedürfen bei Kindern und Erwachsenen unbedingt einer sorgfältigen ärztlichen Diagnostik und keiner Eigenbehandlung. Eine sofortige notärztliche Versorgung muss bei Kopfschmerzen erfolgen, die mit Bewusstseinseinschränkungen oder Wahrnehmungsstörungen einhergehen, und vor allem nach einer Kopfverletzung.

Und zum Schluss …

Im Akutfall bietet die Weidenrinde keine schnelle Hilfe, da ihre Inhaltsstoffe erst nach 1–3 Stunden wirken. Besonders vielversprechend finde ich die Kombination von Weidenrinde mit anderen Heilpflanzen, die sich bei Kopfschmerzen bewährt haben, wie z. B. dem Mutterkraut. Daneben können eine ausreichende Trinkmenge, regelmäßige Entspannungsverfahren wie Meditation oder autogenes Training, regelmäßige körperliche Bewegung oder eine Verhaltenstherapie hilfreich sein.

Literatur

[1] Shara M, Stohs SJ. Efficacy and Safety of White Willow Bark (Salix alba) Extracts. Phytother Res 2015 Aug; 29(8): 1112–6

[2] D’Andrea G, Cevoli S, Cologno D. Herbal therapy in migraine. Neurol Sci 2014 May; 35 Suppl 1: 135–40

Wichtiger Hinweis

Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.

Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.

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