Pflanzenheilkunde

Lavendel – der Sommerduft der Provence

20. Juni 2022
Lavendelblüten

Sicherlich kennst Du die Postkarten- und Kalendermotive der traumhaft schönen Felder mit Lavendel in der Provence. Diese Postkarten-Pflanze kann aber weit mehr als nur „posen“. Sie ist eine faszinierende Heil- und Duftpflanze mit großem Wirkspektrum. Und sie kann als leckeres Gewürz in der Küche verwendet werden.

Rudi Beiser

Lesezeit: 6 Minuten

Der himmelblaue Lavendel ist eine beliebte Gartenpflanze. Doch was dort wächst, ist oft nicht der Echte Lavendel (Lavandula angustifolia). Selbst auf den Feldern der Provence ist er sehr selten anzutreffen, dort blüht zu fast 80 % eine Hybride aus zwei Lavendel-Arten: Eine Kreuzung aus dem Echten Lavendel und dem Speick-Lavendel (Lavandula latifolia). Es handelt sich um den sterilen Lavandin (Lavandula x intermedia). Er wird überwiegend in der Parfümindustrie verwendet, denn er hat den Vorteil, dass er sehr ertragreich ist und mit seinen längeren Blütenstängeln leicht mit Maschinen zu ernten. Das hat dazu geführt, dass er den Echten Lavendel in den letzten 70 Jahren weitgehend verdrängt hat.

Es ist nicht immer der Echte Lavendel

Wie aber kannst Du den Echten Lavendel, Speick-Lavendel und Lavandin voneinander unterscheiden?

  • Echter Lavendel: Wenn Du einen halbkugelförmigen Lavendelstrauch mit einer Höhe von etwa 50–70 cm siehst, dieser etwa zwischen Mitte Juni und Ende Juli blüht, das Blütenköpfchen eine eher abgerundete Form hat und dabei sehr blumig duftet, kannst Du davon ausgehen, dass es sich um den Echten Lavendel handelt. Der stammt übrigens ursprünglich aus Hochprovence und wächst dort in einer Höhe von 800 – 2 000 m.
  • Speick-Lavendel: Hast Du dagegen einen eher 80–90 cm hohen Lavendelstrauch vor Dir, der größere sowie breitere Blätter hat und sehr lange Blütenähren, die erst im August blühen und eher wie Kampfer riechen, dann handelt es sich sehr wahrscheinlich um einen Speick-Lavendel. Der ist sehr wärmebedürftig und wächst daher nicht in einer Höhe von über 1 000 m.
  • Lavandin: Du könntest jetzt statt eines Speick-Lavendels auch einen Lavandin vor Dir haben, sie sehen sich sehr ähnlich! Der Lavandin wird auch etwa 1 m hoch, hat ebenfalls auffallend lange Blütenähren, wobei die Form seines Blütenköpfchens im Gegensatz zu dem des Speick-Lavendels deutlich zugespitzt ist. Er blüht wie der Speick-Lavendel ebenfalls im August. Zu dieser Zeit ist der Echte Lavendel schon längst abgeblüht. Als Hybride aus Echtem Lavendel und Speick-Lavendel ist er allerdings unfruchtbar. Sein Nachwuchs wird heute im Labor aus Pflanzenzellen geklont (früher wurde er über Stecklinge vermehrt).

Anhand der Blütenfarbe kannst Du die Lavendelarten übrigens nicht voneinander unterscheiden. Aus dem Echten Lavendel sind inzwischen sehr viele Sorten mit unterschiedlicher Blütenfarbe hervorgegangen. Die Farb-Variationen reichen von fast weiß (z.B. Sorte „Nana Alba“) über rosa (z.B. Sorte „Rosea“) und blau (z.B. Sorte „Munstead“) bis hin zu tiefem Dunkelviolett (z.B. Sorte „Hidcote Blue“). Die Farbe der Blüten hat keinen Einfluss auf die Heil- und Duftqualität.

Lavendelsorten im Vergleich: Links: Speick-Lavendel (Lavandula latifolia). Mitte: Lavendin (Lavandula x intermedia). Rechts: Echter Lavendel (Lavandula angustifolia).
Lavendelsorten im Vergleich: Links: Speick-Lavendel (Lavandula latifolia). Mitte: Lavandin (Lavandula x intermedia). Rechts: Echter Lavendel (Lavandula angustifolia). Quelle: Rudi Beiser/Thieme

Hinweis: Nur der Echte Lavendel ist in den Arzneibüchern als Heilpflanze anerkannt und besitzt Positivmonografien der HMPC, ESCOP, WHO und Kommission E.

Lavendel für die Nerven

Wusstest Du, dass sich „lavandula“ vom lateinischen „lavare“ (waschen) ableitet und Lavendelblüten wegen ihres frischen sauberen Geruchs bereits im alten Rom sowohl Bädern als auch dem Waschwasser für die Wäsche beigefügt wurden?

Lavendel ist aber nicht nur ein wohlriechendes Badekraut, sondern auch eine echte Wohltat fürs Nervensystem: Er wirkt beruhigend, angstlösend, entspannend und krampflösend und ist somit die ideale Pflanze bei Stress, Einschlafproblemen, nervösem Magen und Spannungskopfschmerzen! Dabei nutzt man nur die Blüten des Echten Lavendels, die besonders viel ätherisches Öl enthalten.

Bestätigt haben das mit Positivmonografien auch HMPC, ESCOP, WHO und Kommission E. Das HMPC hat Lavendelblüten und Lavendelöl als traditionelle pflanzliche Arzneimittel eingestuft. Durch klinische Studien belegte Anwendungsgebiete für Lavendelöl sind die Behandlung von Unruheständen bei ängstlicher Verstimmung. Nach der ESCOP ist Lavendel indiziert bei Stimmungsschwankungen wie Unruhe, Erregungszuständen oder Schlafstörungen; außerdem bei funktionellen Bauchbeschwerden. Lavendelblüten und Lavendelöl können zur Behandlung leichter Stress- und Erschöpfungszustände sowie als Schlafhilfe verwendet werden. Sie sind äußerlich auch als Badezusatz anwendbar. Die Kommission E lässt Lavendel zur inneren Anwendung zu bei Unruhezuständen, Einschlafstörungen und funktionellen Oberbauchbeschwerden (nervöser Reizmagen, Roemheld-Syndrom, Blähungen, nervöse Darmbeschwerden). Und äußerlich in Form von Bädern bei Kreislaufbeschwerden. Die Monografie der WHO stimmt mit den vorgenannten Monografien überein.

Die Tatsache, dass nur der Echte Lavendel medizinisch genutzt wird, heißt nicht, dass die anderen Lavendelarten unwirksam sind. Sie werden in der Volksmedizin ebenfalls verwendet. Aber was wichtig ist: Sie wirken aufgrund der unterschiedlichen Zusammensetzung des ätherischen Öls nicht beruhigend, sondern eher anregend.

Tee aus Lavendelblüten

Für einen Tee nimmt man 2 TL Blüten (Lavandulae flos) auf eine Tasse heißes Wasser (nicht kochend!) und lässt sie 5–10 Minuten zugedeckt ziehen.
Du kannst den Lavendel auch als Duftsäckchen und Badezusatz nutzen.

Die Heilkraft des ätherischen Öls des Lavendels

Bekannt geworden ist Lavendel vor allem wegen seines ätherischen Öles. Deshalb wird er in der Provence schon seit dem 16. Jahrhundert in großen Mengen angebaut. Das kostbare Öl ist in einer großen Zahl berühmt gewordener Parfüms enthalten. Doch das ätherische Öl ist nicht nur gut für die Duftindustrie, es ist auch maßgeblich an der Heilwirkung des Lavendels beteiligt. Verschiedene Studien belegen, dass das ätherische Lavendelöl stimmungsaufhellende und angstlösende Wirkungen besitzt. Es wirkt aber nicht nur wohltuend auf die Psyche, sondern auf der Haut angewendet auch antimikrobiell, wundheilungsfördernd, entzündungshemmend und schmerzstillend. Besonders hervorzuheben ist dabei die Wirkung bei kleinflächigen Verbrennungen 1. Grades wie Sonnenbrand mit Symptomen wie Rötung, Schwellung und Schmerz. Das ätherische Öl kannst Du pur dort auftragen. Die Schmerzen lassen rasch nach. Es regt zudem den Heilungsprozess an und beschleunigt die Bildung neuer Hautzellen. Dieses tolle Mittel bei kleinen Verbrennungen (z.B. am Herd) und bei Sonnenbrand gehört für mich als Erste-Hilfe-Öl unbedingt in jede Hausapotheke.

Folgendes Rezept für eine Lavendel-Salbe von mir hat sich bei gereizter Haut nach einem Sonnenbrand und bei kleinflächigen leichten Verbrennungen 1. Grades bewährt.

Lavendel-Salbe

Zutaten

  • 100 g Kokosöl (naturbelassen)
  • 15 g frische oder 7 g getrocknete Lavendelblüten (Lavandulae flos)
  • 20 Tr. ätherisches Lavendelöl

Zubereitung/Dosierung/Anwendung

Kokosöl im Wasserbad auf 60° C erhitzen und Lavendelblüten einrühren. 1 Stunde auf dieser Temperatur halten, nach dieser Zeit durch ein feines Sieb abfiltern. Sobald das Öl auf 40 °C abgekühlt ist, Lavendelöl und Sanddornöl unterrühren. Dann füllst Du die Masse in ein Salbendöschen.

Haltbarkeit

Das Öl und somit auch die Salbe ist 1 Jahr haltbar.

Das ätherische Öl des Lavendels kenne ich auch als altes Hausmittel bei Insektenstichen. Du trägst das unverdünnte Öl einfach direkt auf die Einstichstelle auf, wenn Du von einer Biene, Wespe oder Stechmücke gestochen worden bist. Es lindert die Schmerzen und die Einstichstelle schwillt nicht so stark an.

Das ätherische Lavendelöl wirkt auch fungizid. Es gibt daher sehr viele positive Erfahrungen bei Pilzinfektionen der Haut.

Hinweis: Die Anwendung ätherischer Öle gehört unbedingt in die Hände erfahrener Aromatherapeuten mit den notwendigen Fachkenntnissen. Denn werden sie nicht in entsprechender Verdünnung aufgetragen, können ätherische Öle zu Hautreizungen und weiteren Nebenwirkungen führen. Zudem sollten Pilzerkrankungen unbedingt von einem Arzt untersucht und mit ihm sollte auch die Anwendung von Aromaölen abgestimmt werden!

Das beste und wertvollste Lavendelöl ist das ätherische Öl des in den Bergen wild geernteten Echten Lavendels. Wenn Du „Lavendel extra“ liest, weißt Du, dass es sich um dieses Öl handelt. Es wird in schwer zugänglichen Gebirgslagen mühsam von Hand geerntet, weshalb es auch die teure Variante ist. Wenn Du im Handel dagegen „Lavendel fein“ liest, dann handelt es sich um das Öl des in niederen Lagen angebauten Echten Lavendels.

Ein Parfüm für die Küche

Lavendel wird in der Küche eher selten verwendet. In der Küche der Provence gibt es jedoch einige Rezepte mit Lavendel als Bestandteil. In der Gewürzmischung Herbes de Provence sind Lavendelblüten mit ihrem süßen Duft mitunter Bestandteil. Als ausgefallene Note finden sich Lavendelblüten zum Beispiel auch in Schokolade, Konfitüre, Gelees, Obstsalaten, Eis und Gebäck. Ich rate aber zu einer sehr vorsichtigen Dosierung, sonst erhält man schnell einen parfüm- oder auch seifenartigen Geschmack. Außerdem kannst Du mit den Blüten durch Einlegen auch Essig und Zucker aromatisieren oder Du nutzt die Blüten für einen Sirup.

Und zum Schluss …

Lavendel hat durch seine beruhigende und entspannende Wirkung einen nahen Bezug zum Nervensystem. Das gilt aber nur, wenn Du den Echten Lavendel (Lavendula angustifolia) nutzt. Hol ihn dir in den Garten oder in den Balkonkasten, denn seine duftenden Blüten sind nicht nur heilsam, sondern auch ein Magnet für Insekten.

Literatur

[1] Prusinowska R, Śmigielski K. Composition, biological properties and therapeutic effects of lavender (Lavandula angustifolia L). A review. Herba Polonica. 2014;60(2): 56-66. https://doi.org/10.2478/hepo-2014-0010

[2] Firoozeei TS, Feizi A, Rezaeizadeh H, Zargaran A, Roohafza HR, Karimi M. The antidepressant effects of lavender (Lavandula angustifolia Mill.): A systematic review and meta-analysis of randomized controlled clinical trials. Complement Ther Med. 2021;;59:102679. doi: 10.1016/j.ctim.2021.102679. Epub 2021 Feb 4. PMID: 33549687

[3] Donelli D, Antonelli M, Bellinazzi C, Gensini GF, Firenzuoli F. Effects of lavender on anxiety: A systematic review and meta-analysis. Phytomedicine. 2019; 65:153099. doi: 10.1016/j.phymed.2019.153099. Epub 2019 Sep 26. PMID: 31655395.

Wichtiger Hinweis!

Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.

Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.

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