Historisches

Avicenna (980–1037 n.Chr.): Canon medicinae

19. Januar 2024
Historische Bücher

Papyrus Ebers, Lorscher Arzneibuch, New Kreuterbuch? Bekannt! Hippokrates von Kos, Dioskurides, Walahfrid Strabo? Natürlich auch! Was aber wissen Sie über diese Werke oder ihre Verfasser denn tatsächlich? Kurze und übersichtliche Zusammenfassungen lesen Sie hier. Immer freitags! Denn wir haben da mal was zusammengestellt …

Iris Eisenmann-Tappe

Avicenna (latinisiert für Abū Alī al-Husain ibn Abd Allāh ibn Sīnā) wurde um 980 in der Nähe von Buchara im heutigen Usbekistan geboren; seine Muttersprache war Persisch. Sein Vater war als hoher Staatsbeamter in der Lage, ihm eine ausgezeichnete Erziehung zugutekommen zu lassen. Avicenna galt früh als Wunderkind, wie wir aus der Feder seines Biografen und Schülers Al-Dschuzdschani wissen. Demnach hatte Avicenna bereits im Alter von 10 Jahren das Studium des Korans und eines Großteils der klassischen Schönen Literatur abgeschlossen, obwohl diese in Arabisch, für ihn also in einer Fremdsprache, verfasst waren. Er wandte sich danach im Selbststudium nahezu allen damals bedeutenden Wissenschaften zu, beispielsweise Rechtswissenschaften, Logik, Physik und Metaphysik. Seine Neigung galt jedoch vorrangig der Philosophie. Mit der Medizin beschäftigte er sich wohl eher aus Gründen des Broterwerbs; er soll gesagt haben, dass diese „keine schwere Wissenschaft“ sei. Als Leibarzt verschiedener Fürsten erhoffte er sich den Zugang zu deren Bibliotheken, um seine eigentlichen wissenschaftlichen Interessen befriedigen zu können.

Avicenna war ein großartiger Systematiker, mit dem Ehrgeiz, das gesamte Wissen seiner Zeit, aus griechischen wie arabischen Quellen, geordnet darzustellen. An seiner Enzyklopädie Richtschnur der Medizin, latinisiert Canon medicinae, arbeitete er von 1013 bis 1024. Als Standardwerk der Medizin hatte Avicennas Canon nicht nur im islamischen Mittelalter eine jahrhundertelange Nachwirkung. Nach der Übersetzung ins Lateinische durch Gerhard von Cremona (gest. 1187) wurde er ab dem 13. Jahrhundert an sämtlichen europäischen Universitäten der medizinischen Ausbildung zugrunde gelegt. Die große Akzeptanz erklärt sich auch dadurch, dass Avicennas Medizintheorie auf der anerkannten Humoralpathologie Galens fußte. Aufgrund eigener Interessen und Erfahrungen brachte er aber bemerkenswerte neue Aspekte ein. So beschrieb er als Erster die Beziehung zwischen Gefühlen und Erkrankungen, also die Psychosomatik. Sogar Einflüsse der Musik mit ihren verschiedenen modalen Tonsystemen oder Melodien auf die Körpersäfte und damit auf die Gesundheit der Patienten thematisierte er.

Avicenna hatte die Absicht, seinen fünfbändigen Canon medicinae noch um eigene praktische Erfahrungen und Kasuistiken zu ergänzen. Seine Aufzeichnungen hierüber sind uns jedoch verloren gegangen. Avicenna, der unverheiratet und kinderlos blieb, führte ein unstetes Leben mit einem hohen Arbeitspensum. Während er tagsüber seinen Pflichten als Leibarzt nachging und beispielsweise seinen Dienstherrn auf Feldzügen begleitete, lehrte er nachts und diktierte seine zahlreichen wissenschaftlichen Werke. Bitten seiner Schüler und Bewunderer, sich zu schonen, kam er nicht nach. Avicenna starb in Hamadan im Westen des heutigen Iran an einer langwierigen Darmerkrankung, die er sich auf einem Feldzug zugezogen hatte. Er soll gesagt haben: „Ich habe lieber ein kurzes Leben in Fülle als ein karges langes Leben.“ Als charismatische Persönlichkeit und Universalgenie wird Abū Alī al-Husain ibn Abd Allāh ibn Sīnā noch heute in der islamischen Welt verehrt.

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Mehr über historische medizinische Schriften, deren Verfasser und die Anwendung der Heilpflanzenkunde in der Klostermedizin lesen Sie in: Klostermedizin bei Erkrankungen des Verdauungstrakts | 9783132416437 | Thieme Webshop

Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.

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