Pflanzenheilkunde

Aus der Küche in den Arzneischrank – Multitalent Kartoffel

2. September 2022
Herzförmige Kartoffel, freigestellt

Von Kartoffelgratin bis Klebstoff: Die Kartoffel hat zahlreiche Einsatzgebiete, einige davon sind vermutlich den meisten von uns nicht bekannt. Nicht zu vergessen ist Heilkraft der Kartoffel: zum Beispiel kann Kartoffelsaft als Kur gegen Sodbrennen helfen oder Kartoffelsalbe bei trockenen Händen eingesetzt werden.

Susanne Koch

Lesezeit: 4,5 Minuten

Zahlreiche Einsatzmöglichkeiten der Kartoffel

Weltweit gibt es über 5000 Sorten Kartoffeln (Solanum tuberosum), rund 200 davon sind in Deutschland beim Bundessortenamt zum Anbau gelistet, ungezählt viele weitere, vor allem alte Sorten, werden in kleinerer Menge in der Landwirtschaft aber auch in privaten Gärten angebaut. Neben den Speisekartoffeln gibt es auch sogenannte Industrie- oder Wirtschaftskartoffeln, aus denen Alkohol gewonnen wird oder Stärke, die auch in der Herstellung von Folien, Papiererzeugnissen und Klebstoffen genutzt wird.

Speisekartoffeln: nicht nur schmackhaft

Speisekartoffeln enthalten viele Mineralstoffe: Je 100 g gekochter Kartoffel zum Beispiel ca. 350 mg Kalium, 21 mg Magnesium, 0,9 mg Eisen, 9 mg Kalzium und 31 mg Phosphor. Kalium beispielsweise ist wichtig für die Weiterleitung von Nervenimpulsen, die Nierentätigkeit, den Glukosestoffwechsel und den Säure-Basen-Haushalt.

Die Heilwirkung der Kartoffel wurde bereits von den Ureinwohnern Südamerikas erkannt. Auch heute nutzt man die heilsamen Eigenschaften bei unterschiedlichen Beschwerden. Beispielsweise zeigte eine Untersuchung der Universität Freiburg die Wirksamkeit von Kartoffelsaft bei Oberbauchbeschwerden mit Sodbrennen [2].

Saftkur gegen Sodbrennen

Gegen Sodbrennen kann der Saft aus rohen Kartoffeln helfen. Der hohe Kaliumgehalt, aber auch die enthaltene Stärke und die Mineralien tragen zur hilfreichen Pufferung der Magensäure bei.  Diese Pufferung erfolgt häufig direkt nach der Einnahme, aber auch von Erfolgen durch eine kurmäßige Anwendung mit Kartoffelsaft wird berichtet [1, 5] (siehe auch Abschnitt „Kartoffelsaft herstellen und verwenden“).  Daneben wirkt roher Kartoffelsaft leicht spasmolytisch.

Nach der Kur erfolgt eine sechswöchige Pause, bevor die nächste Kur beginnen kann. Zum einen tritt sonst ein Gewöhnungseffekt ein, zum anderen enthalten rohe Kartoffeln auch geringe Mengen an Solanin.

Vorsicht: Solanine (α-Chaconin- und α-Solanin) können bei hoher Konzentration zu Völlegefühl, Übelkeit, Kopfschmerzen bis Benommenheit und Berührungsempfindlichkeit führen [6]. In der in diesem Beitrag empfohlenen Menge und über den begrenzten Zeitraum ist die Einnahme des Saftes aus rohen Kartoffeln jedoch nach heutigem Kenntnisstand unbedenklich. In neueren Sorten wurde der Solaningehalt durch Züchtung deutlich herabgesetzt. Für einen geringen Solaningehalt ist auch der richtige Umgang mit der Kartoffel von Bedeutung.  Entscheidend ist, dass die Kartoffeln keine grünen Stellen aufweisen sowie dunkel und kühl gelagert wurden. Dann liegt der Gehalt an Alkaloiden nach dem Schälen unter 10 mg/100 g. Zudem sollten geschälte und geschnittene Kartoffeln zügig verarbeitet und nicht mehr gelagert werden, da das Verletzen der Kartoffel zu einem Anstieg von Alkaloiden führt. Auf der anderen Seite trägt Solanin in geringen Dosen auch zu der arzneilichen Wirkung auf den Magen bei.

Kartoffelsaft gibt es im Reformhaus fertig zu kaufen. Industriell hergestellter Kartoffelsaft ist so konserviert, dass er dennoch wirksam ist. Der Saft ist aus Bio-Kartoffeln aber auch einfach selbst herzustellen. Er muss dann frisch und aus rohen Kartoffeln zubereitet werden, sonst verliert er die Wirksamkeit. Schon nach kurzem Stehen verfärbt sich der Saft dunkel, was auf eine enzymatische Reaktion hinweist.

Kartoffelsaft herstellen und verwenden

Wenn Du einen elektrischen Entsafter hast, kannst Du 2x tgl. (morgens und abends) eine gut gereinigte, mittelgroße Bio-Kartoffel mit Schale entsaften und für eine Kur gegen Sodbrennen etwa 50–100 ml Saft vor der Mahlzeit trinken. Als Kur ist aus meiner Erfahrung eine dreiwöchige Anwendung sinnvoll.

Ohne Entsafter reibst Du die Kartoffel so fein wie möglich auf der Reibe oder pürierst sie im Mixer zu feinem Brei. Die geriebene oder pürierte Kartoffel in ein feines Tuch geben, zum Beispiel eine Kompresse oder ein Stofftaschentuch, und gründlich auspressen. Du kannst auch eine Spätzlepresse zur Hilfe nehmen.

Geschmacklich ist Kartoffelsaft für manche eine Herausforderung. Du kannst durch Zugabe von einem Esslöffel Karottensaft den Geschmack verbessern, ohne dass die Wirkung Schaden nimmt.

Die Zugabe eines Teelöffels Oliven- oder Johanniskrautöl ist vor allem bei Magenschmerzen oder Magenschleimhautentzündungen hilfreich. Die Öle können eine Art Barriere bilden, sodass die Magensäure die Magenschleimhaut weniger angreifen kann. Johanniskrautöl ist darüber hinaus entzündungshemmend.

Weitere Anwendung von Kartoffelsaft

Kartoffelsaft ist außerdem leicht cholesterin- und blutzuckersenkend [2]. Zu diesem Zweck soll er als Kur über 3–4 Wochen morgens vor dem Frühstück eingenommen werden. Ein kleines Schnapsglas voll genügt. Ein wenig mehr oder weniger ist in Ordnung, wenn die Menge des selbstgemachten Safts bei der Herstellung etwas abweicht. Auch hat Kartoffelsaft eine entzündungshemmende und entwässernde Wirkung [7].

Kartoffelsalbe für trockene Haut

Die Verwendung von Kartoffeln als Salbe ist aus meiner Sicht die wohl ungewöhnlichste Heilanwendung für Kartoffeln. Eine Salbe aus einem Auszug ist jedoch ein wunderbares Mittel bei trockenen, schrundigen Händen, Füßen oder Ellenbogen. Die Salbe mehrmals täglich auf die betroffenen Stellen einmassieren, gibt Feuchtigkeit und macht die Haut wieder elastischer.
Ich bereite Salben meist nach dem Basisrezept mit Öl und Bienenwachs sowie Lanolin anhydrit zu. Dazu verwende ich je 100 ml Öl 8g Bienenwachs und 10 g Lanolin. Mehr festes Fett macht die Salbe fester, mehr Ölanteil geschmeidiger.

Zutaten

  • 1 große oder 2 mittelgroße Kartoffeln sowie 1 kleine Kartoffel mit Schale in Bio-Qualität, sauber gewaschen und ohne schadhafte Stellen
  • 250 ml Oliven- oder Mandelöl oder ein andres Bio-Öl Deiner Wahl
  • 16 g Bienenwachs und 20 g Lanolin anhydrit
  • 1 EL getrocknete Kamille
  • 1 EL getrocknete Ringelblumen
  • 250 ml Wasser
  • auf Wunsch 10 Tr. naturreines ätherisches Öl (Lavendel oder Rosengeranie)
  • 1-2 sehr saubere (ausgekochte) Tiegel mit Schraubdeckel

Zubereitung

Die große Kartoffel oder die beiden mittelgroßen Kartoffeln fein reiben und zusammen mit den Kräutern ins Öl geben. Die Kartoffel(n) und Kräuter müssen gut bedeckt sein. Bei Bedarf nimmst Du etwas mehr Öl.

Auszug herstellen

Das Kartoffel-Öl-Gemisch erhitzt Du einem Topf auf dem Herd für mindestens 3 Stunden auf 50 °C, dabei immer wieder umrühren. Nicht zu heiß werden lassen, sonst könnten Pommes entstehen. Energiesparender ist es, wenn Du das Gemisch auf ein Stövchen stellst und es mindestens 3 Stunden, gern auch länger, jedoch maximal 24 Stunden, mithilfe von Teelichten auf etwa 50°C erwärmst. Auch dabei immer wieder umrühren. Du musst die Kerzen nicht durchgehend brennen lassen. Die Erwärmungszeit kannst Du problemlos unterbrechen, dann wieder Kerzen anzünden und die Kartoffel-Öl-Mischung nochmals erwärmen.

Weiteres Vorgehen

Nach dem Auszug die Kartoffeln abseihen, dabei das Öl auffangen. Abkühlen lassen, bis es handwarm ist. Dann die festen Bestandteile gut ausdrücken, um möglichst viele Inhaltsstoffe zu gewinnen. Das geht wieder am besten durch ein Tuch.

Die kleine Kartoffel mit Schale reiben oder in kleine Stücke schneiden und in 250 ml Wasser garkochen. Durch ein Tuch abseihen und das Kochwasser auffangen. Die Kartoffel wird für dieses Rezept dann nicht mehr benötigt.

200 ml vom Kartoffel-Auszugsöl abmessen und in einen Topf geben. Das Öl mit dem Wachs/Lanolin erwärmen, bis sich die beiden festen Fette auflösen. Einen knapp gefüllten EL des Kartoffel-Kochwassers tropfenweise unter ständigem Rühren mit einem Schneebesen hinzufügen. Auf Wunsch das ätherische Öl zugeben. Weiterrühren, bis die Mischung erkaltet. Ohne ständiges Rühren verbindet sich das Wasser nicht richtig mit dem Öl.

In die Tiegel füllen und diese über Nacht mit einem Tuch abdecken, erst dann zuschrauben.

Kühl und dunkel gelagert hält sich die Salbe mindestens 4 Wochen und kann nach Bedarf angewendet werden.

Literatur

[1] Chrubasik S. Bei Sodbrennen hilft die Kartoffel. Universitätsklinikum Freiburg; Forschungsprojekt „Pflanzliche Drogen“. Im Internet: https://www.uniklinik-freiburg.de/fileadmin/mediapool/08_institute/rechtsmedizin/pdf/B%C3%BCWo_Kartoffel.pdf; Stand: 26.08.2022

[2] Chrubasik C, Chrubasik S. Zur arzneilichen Wirkung der Kartoffel. Ars Medici 2005; 25-26: 1175–1178. Im Internet: https://www.rosenfluh.ch/media/arsmedici/2005/25-26/Zur-arzneilichen-Wirkung-der-Kartoffel.pdf; Stand: 26.08.2022

[3] Struck D. Sodbrennen in der Schwangerschaft – ein Fall für Kartoffelsaft. Zeitschrift für Phytotherapie 2006; 27(4): 183-184

[4] Ell-Beiser H. Die tolle Knolle. Deutsche Heilpraktiker-Zeitschrift 2019; 14(06): 60–63

[5] sodbrennen-helfer.de in Zusammenarbeit mit Dr. Evelyn Zientz. Kartoffelsaft gegen Sodbrennen. Im Internet: https://www.sodbrennen-helfer.de/hilfe-vorbeugen/kartoffelsaft/; Stand: 26.08.2022

[6] Blaschek W et al. Solanum. Hagers Enzyklopädie der Arzneistoffe und Drogen. Stuttgart: WVG/Springer; 2014

[7] Bühring U. Praxis-Lehrbuch der modernen Heilpflanzenkunde. 3. Aufl. Stuttgart: Haug; 2011

Wichtiger Hinweis

Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.

Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.

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